Welttag der Frauen

Morgenandacht

Heute ist Internationaler Frauentag. Seit Ende des 19. Jahrhunderts erinnern die Vereinten Nationen daran: Frauen haben die gleichen Rechte auf Bildung, Bezahlung und Karriere wie Männer. Da fragen heute viele: Brauchen wir den Tag überhaupt noch? Klar, im Blick auf Bezahlung und Karriere ist auch bei uns noch Luft nach oben. Aber das mit der Gleichberechtigung ist doch ein Selbstläufer. Oder? So wie das mit der Demokratie!

 

Habe ich auch gedacht. Ist aber nicht so. Vor kurzem hat die Beraterin des amerikanischen Präsidenten gesagt: „Ich bin keine Feministin. Feministinnen haben ja was gegen Männer und ich hab nichts gegen Männer.“ Kellyanne Conway war das – die Erfinderin der „alternativen Fakten“. Und sie hat es nicht auf einer Tupperparty gesagt, sondern auf einer Versammlung der Republikaner. Unter tosendem Applaus auch von Frauen.

 

Aber Frau Conway hat recht. Sie ist keine Feministin. Feministinnen schauen nämlich genau hin. Und sie differenzieren. Natürlich haben Feministinnen nichts gegen Männer. Aber sie haben etwas gegen ein bestimmtes Verhalten von Männern. Wenn die sich nämlich selbstgefällig und übergriffig Rechte herausnehmen, die sie Frauen verweigern. Wenn diese Männer die Kritik an ihrem Verhalten gleichsetzen mit einer Kritik an ihrer Person, wenn sie beleidigt sind, nur weil man sie kritisiert hat, dann haben diese Männer ein Problem. Und genau das zeigen Feministinnen auf. Die auch keine Lust haben, sich zu kasteien und umoperieren zu lassen, um die dekorativen Sahnehäubchen auf den Torten der Macht dieser Männer zu sein.

 

Feministisch denken heißt, genau hinsehen, hinterfragen, Ungerechtigkeiten aufdecken. Das klingt verkrampfter als es ist. Weil die Geschichte der Frauenbefreiung eine faszinierend spannende Geschichte ist. Eine Geschichte der Befreiung aus Ohnmacht und Abhängigkeit.

 

Was mich an dieser Geschichte so besonders fasziniert? Es ist ein Befreiungskampf ohne Waffen und ohne Blutvergießen. Eine gewaltfreie Revolution. In einer Welt, die sich bewaffnete Kämpfe eigentlich nicht mehr leisten kann, sollte diese Geschichte viel mehr beachtet werden. Und es sollten diese weiblichen Fähigkeiten des gewaltlosen Widerstandes viel mehr zum Zuge kommen.

 

Schon Jesus hat diesen Feministinnen ein Denkmal gesetzt. In seinem Gleichnis von der bittenden Witwe (Lk 18,1-8). Und das geht so: Eine Witwe geht zu einem Richter und fordert ihr Recht. Der Richter sieht wohl, dass an der Klage was dran ist, aber denkt nicht dran, sich darum zu kümmern. Warum? Weil die Frau kein Recht hat, vor Gericht zu erscheinen. Nur Männer konnten Rechte einklagen. Eine Witwe, also eine Frau ohne Mann hatte rechtlich keine Chance, vor Gericht gehört zu werden.

 

Und was macht die Frau? Sie macht dasselbe wie die Frauen, die derzeit in Amerika mit rosa Mützen auf die Straße gehen. Sie protestiert. Laut und immer wieder. Und: Sie packt den Richter bei seiner größten Schwäche: seiner Eitelkeit. Deshalb erscheint sie immer wieder vor Gericht und beschimpft den Richter als Halunken, als faulen Sack. Am Anfang ist der Richter nur genervt. Mit der Zeit aber fürchtet er sogar noch um seinen guten Ruf. Und am Ende gibt er ihr, was sie verlangt. Nicht, weil er eingesehen hätte, dass er das tun muss. Er will sich einfach nicht blamieren und vor den Anderen dumm dastehen. Er gibt ihr Recht, um sie loszuwerden.

 

Und Jesus sagt: „Genau so sollt ihr bitten. Seid euch nicht zu schade, immer wieder zu schreien und zu klagen. Seid euch nicht zu schade, auf die Nerven zu gehen, wenn man euch euer Recht vorenthält. Bittet und es wird euch gegeben. Ich glaube, diese Fähigkeit zur Penetranz und diese kreative Gewaltlosigkeit sind eine große Ressource für unsere Welt. Ich hoffe in dieser Sache auf die künftigen Generationen. Dass Männer und Frauen sich da zusammentun. Meine Enkeltochter zum Beispiel, die heute vier Jahre alt wird, hat einen leidenschaftlichen Sinn für Gerechtigkeit und die Kunst des Nervens beherrscht sie schon jetzt perfekt.

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