Wunderbar

Morgenandacht

„Was machst du denn da?“, ruft die Männerstimme Richtung Badezimmer. „Ich föhne mir die Haare.“ – „Morgens um vier? Warum?“ – „Damit du denkst, ich sehe beim Aufstehen schon perfekt aus.“ – So ähnlich geht eine Radiowerbung. Ist das witzig? Jedenfalls funktioniert sie. Vielleicht auch deshalb, weil sich tatsächlich so viele so gern so perfekt zeigen.

 

Wie ich das manchmal satthabe: dieses schön geföhnte Leben! Alle zeigen ihr perfektes social-media-Lächeln, Jugendliche posieren mit Schmollmund wie ihre Stars auf youtube, Erwachsene optimieren nicht nur ihre Figur, sondern auch ihre Hobbies, ihre Kinder, ihre Ernährung, ihre Meinung. Jonas teilt mit: Er ist 12 Kilometer gelaufen. Katja hat an einem Grillkurs teilgenommen. Susanne macht im Flüchtlings-Café mit. Alles ästhetisch und moralisch vorzeigbar. Fehler? Mängel? Sind nicht vorgesehen. So gelangen wir alle noch ins Facebook- und Messenger-Paradies. „Du, das mit dem Grillabend tut uns leid, wir haben ja komplett unsere Ernährung umgestellt,“ lese ich auf meinem Handy. Na toll. Ich aber nicht. Ich habe Mängel, mache Fehler und esse nun mal nicht immer vom richtigen Baum. Und das ist auch gut so.

 

Denn ein Leben, von dem sich abends bei einem Glas Wein einem echten Freund zu erzählen lohnt, beginnt doch erst mit einem ordentlichen Fehltritt. Unsere Makel machen uns interessant, nicht das Vorzeigbare, das wir auf Hochglanz polieren. Das gilt schon für viele Figuren in der Bibel: Adam und Eva brechen das einzige Verbot und essen vom Baum der Erkenntnis, Kain mordet, Mose ebenso, David sowieso. Maria Magdalena prostituiert sich, Zachäus betrügt, Judas verrät, Petrus verleugnet. Wo anfangen, wo aufhören? Wenn es um Fehler geht, hätten sie und viele andere einiges zu erzählen. Mit meinen Macken und Unzulänglichkeiten käme ich vielleicht nicht ins Buch der Bücher und zum Glück auch nicht gleich vor Gericht, aber dem Paradies der Perfektion könnte ich schon entkommen.

 

Meine persönliche Mängelliste der letzten Woche geht ungefähr so:

Montag: Ich bin zu einer Fortbildung nach Berlin nicht ökologisch vorbildlich angereist, sondern geflogen. Es musste schnell gehen.

Dienstag: Dort in der Ferienwohnung habe ich den Müll nicht getrennt, sondern einfach alles zusammen weggeworfen. Lohnte sich nicht.

Mittwoch: Ein Blick auf die Waage zeigt, dass alle Bemühungen, mein Gewicht zu reduzieren, wieder gescheitert sind. Zu viele Ausnahmen.

Donnerstag: Bandprobe. Ich spiele seit Jahren den E-Bass, ein Solo würde man der Welt aber bis heute lieber nicht zumuten.

Freitag: Als meine Tochter und ich alleine zuhause waren, habe ich nichts Frisches gekocht, sondern Pizza bestellt. War bequemer.

Und das sind nur die konkreten Kleinigkeiten einer Woche. Es gibt da auch noch die größeren Dinge: Ich vernachlässige selbst gute Freunde und übergehe schon mal eine Kollegin. Die sind dann durchaus enttäuscht oder sauer. Mit Recht. Ist es da ein Wunder, dass ich verheiratet bin, überhaupt Freunde habe, und Menschen klaglos mit mir zusammenarbeiten? Oder bin ich doch im Großen und Ganzen ok?

 

Ja, es tut gut, Freunde zu haben, die mich kennen, mich mögen und zu mir stehen. Mich in den Arm nehmen, mit mir lachen. Mir zuhören. Bleiben, wenn ich sie brauche. Sich nicht abwenden, wenn mir etwas passiert ist, was mir besser nicht passiert wäre, sondern das mit mir durchstehen. Das sind Freunde, die um ihre eigenen Fehler wissen und vielleicht auch deshalb nachsichtig sind mit meinen.

 

Jeden Fehler, jede Unzulänglichkeit könnte man ja beheben, abmildern oder wenigstens verstecken. Aber warum? Fehler sind oft so markant, witzig und liebenswert. Es ist das Unperfekte, das Menschen so einzigartig macht. „Ich danke dir dafür, dass ich so wunderbar gemacht bin,“ heißt es in einem Gebet der Bibel. So spricht einer zu Gott. Kein Mr. Right und keine Mrs. Perfect, sondern ein Mensch. Könnte ich mir an den Badezimmerspiegel heften. Verschlafen, ungeföhnt, aber wunderbar gemacht. Danke, Gott!

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