Wie taufen Sie denn?

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Über die Sendung

Die Kirchen setzen sich gegen Vorurteile und Ausgrenzung ein. Aber auch hier gibt es noch merkwürdige Vorstellungen, wie Jean Félix Belinga Belinga beschreibt.

 

 

„Man hört halt so Sachen“

. Ich bin von meiner Geburt her Kameruner, also Afrikaner. Für viele Menschen hierzulande jedoch ist die afrikanische Herkunft eines Menschen mit seltsamen Eigenschaften behaftet. Zwar gehe ich davon aus, dass ich mich am Ende jeden Taufgesprächs, Traugesprächs oder auch Beerdigungsgesprächs der betroffenen Familie sehr nahe fühlen werde. Aber manchmal mischt sich ein unerwartetes Detail im Laufe des Gesprächs ein. Einmal ging es um eine Taufe. Wobei nicht das Taufgespräch mit der deutschen Mutter und dem kamerunischen Vater die denkwürdige Note mit sich brachte. Mit deren Gemeindepfarrer in Nürnberg, wo die Taufe stattfinden sollte, musste ich noch einiges besprechen. Es wurde ein Telefonat, das nicht lange dauerte, mich aber nachdrücklich nachdenklich einstimmte. Die für den Nürnberger Kollegen entscheidende Frage kam schnell, als würde sie ihm auf der Zunge brennen:

„Sie taufen ja am Taufbecken, nicht?“

„Ja, selbstverständlich“, sagte ich und deutete feixend gleich an, dass mir keine andere Form bekannt sei. Der Kollege jedoch blieb ernst:

„Wie machen Sie das denn?“

Das „Wie“ krachte bedrohlich aus dem Hörer und ließ mich einen Moment verstummen. Es brauchte eine Weile, bis ich antworten konnte:

„Äh, ganz normal halt.“ Dann aber setzte ich gleich nach: „Warum fragen Sie denn?“

„Ja, man hört halt so Sachen, wissen Sie?“

„Zum Beispiel?“

„In Afrika tauchen Sie die Kinder kopfüber ins Wasser. Hm, solche Dinge. Deswegen muss ich einfach fragen.“

„Aber ich taufe hier als Mitarbeiter in einer deutschen Kirche und nicht in einer afrikanischen! Sie können getrost sein, dass ich die von ihnen genannte Methode nicht anwenden werde. Aber haben Sie sie schon mal selbst beobachtet?“

Natürlich, der Kollege hatte eine solche Taufe nirgends selbst beobachten können. Aber die Sorge darum, dass in seiner Kirche ein kleines fränkisches Baby an einem kalten Wintermorgen im Februar kopfüber ins kalte Wasser eingetaucht werden könnte, war deutlich zu spüren.

 

Als wäre Afrika ein kleines Dorf

Solche Momente belasten und beschäftigen mich lange Zeit danach. Ein Schwarzafrikaner geht demnach in die Welt, mit seinem wilden Dasein gewappnet. Irrational denkend und häufig in unvernünftige Handlungen verwickelt, wie soll er denn da wissen, was er einem Baby an einem Februarmorgen antut, wenn er es ins kalte Wasser kopfüber eintaucht!

Ich konnte die Sorgen des Kollegen durchaus verstehen. Die Frage ist ja auch, ob man den Anwesenden bei der Taufe hätte zumuten können, dass sie unmittelbar erleben, wie ein Baby in der kalten Kirche an den Füßen gepackt und an jenem Wintermorgen in kaltem Wasser gebadet wird. Möglicherweise hatte er sich sogar wegen mir Gedanken gemacht: Ich könnte vielleicht bei der Taufe frustriert feststellen, dass das Taufbecken zu klein und die Wassermenge äußerst bescheiden wäre.

Doch ganz gleich, was den Kollegen motiviert hatte, ich fragte mich nach jenem Gespräch, wie er denken konnte, dass ich in einer deutschen Kirche als Pfarrer eine so seltsame Taufpraxis anwenden würde. Wie konnte meine afrikanische Herkunft nur diese und keine andere Assoziation bei ihm auslösen? Und dass er diese unendliche Größe „Afrika“ wie eine kleine überschaubare Einheit betrachtete, machte mich stutzig. Mehr als 1,2 Milliarden Menschen leben in Afrika. 47% von ihnen sind Christen in vielen unterschiedlichen Konfessionen und Denominationen. Es ist seltsam, sie alle in eine einheitliche Taufpraxis zu stecken. Die Formulierung: „In Afrika tauchen Sie die Kinder kopfüber ins Wasser“ lässt das Bild Afrikas wie ein kleines Dorf erscheinen, in dem die Menschen eine gemeinsame Richtlinie haben, die alle befolgen.

 

Vielfalt bereichert den Glauben

Es wird auch in Zukunft nie klar werden, woher Menschen solche Erkenntnisse gewinnen. Es ist ein Volkswissen, dem ein benennbarer Ursprung fehlt. Schon im 18. und 19. Jahrhundert hatten viele EuropäerInnen vergleichbare Vorstellungen. Sie fingen bald an zu denken, die Verbreitung des Christentums in Afrika sei vergleichbar mit „Perlen vor die Säue werfen.“ Heute jedoch kann man getrost und lautstark die farbenfrohe Vielfalt und leuchtende Ausdrucksstärke afrikanischer Kirchen loben. „Sie bereichern in ihrer ganzen großen Palette das Glaubensleben in Deutschland – auch ohne Kinder in Taufbecken unterzutauchen.“

 

Autoreninfo:

1956 in Südkamerun geboren und aufgewachsen

  • Autor, Journalist und Pfarrer
  • Verheiratet und Vater von drei Kindern
  • Studium der Evangelischen Theologie in Erlangen (Bayern)
  • Gegenwärtig: Beauftragter für Interkulturelles Lernen im Zentrum Ökumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck.

 

 

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08.07.2017 10:00