Am Anfang war das Kaugummi

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Am Anfang war das Kaugummi, sagt Franz heute, dreiundsiebzig Jahre später. Kaugummi war Amerika. Und Amerikaner kamen über den Berg, erinnert sich Franz und strahlt ein bisschen. Seit Tagen hatten wir weiße Fahnen auf dem Dach und aus den Fenstern hängen. Die Hakenkreuze waren weg. Alle haben geholfen, die Dinger wegzuschlagen oder abzuhängen aus dem Rathaus, den Vereinen, dem Friedhof. Wir wussten ja, dass es zuende geht mit dem „tausendjährigen Reich“. Ich war zehn Jahre alt damals und schaute jede Stunde aus dem Fenster. Amerika war ein Sehnsuchtswort. Dann kam er endlich, der erste Panzer. Dahinten über den Berg kam er, sagt Franz und zeigt in die Ferne. Ich sehe es wie heute. Eigentlich war der Panzer zuerst. Er hatte eine Fahne Amerikas. Aber viel schöner war das Kaugummi, das alle Kinder bekamen. Das gab es bei uns ja nicht. Jetzt aber schon. Freiheit war Kaugummi, irgendwann Anfang Mai 1945. Den Tag weiß ich nicht mehr, sagt Franz.

 

Ich weiß nur, dass wir dann schulfrei hatten. Ein paar Tage lang. Manche Lehrer waren weg, wohl in einem Gefängnis für Nationalsozialisten. Dann kamen neue Lehrer. Später kamen ein paar von den früheren zurück. Oder es kamen Lehrer mit Krücken. Die waren im Krieg und jetzt versehrt. Heilfroh waren sie, überlebt zu haben. Sie erzählten, was wir nicht wussten. Von Stalingrad, von den Konzentrationslagern. Den Millionen Toten. Verstanden haben wir Kinder das nicht, sagt Franz. Seltsam war das alles schon. Und immer wieder gab es Kaugummi, wir Kinder tauschten es auch mal. Kaugummi war Freiheit, so seltsam das klingt. Ich schmeckte das damals wirklich, sagt Franz. Niemand maßregelte uns mehr wie früher; niemand schickte uns zu Übungen oder zum Übernachten im Wald.

 

Es waren Freiheitstage, einen Sommer lang. Gnadentage, nennt Franz sie heute. Ich bin bewahrt worden vor vielem. Mit Kaugummi fing die Gnade an. Das wusste ich damals nicht. Da schmeckte es nur. Aber heute sage ich das. Ich bin dankbar, sagt er. Nur dankbar. Für alle Freiheiten meines langen Lebens. Für so viel Gnade. Hoffentlich habe ich, sagt er dann und zeigt wieder nach oben zum Berg, hoffentlich habe ich ihm genug gedankt.

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