Bei dir sein

Wort zum Tage

Ich sitze vor meinem Computer und schreibe eine Morgenandacht fürs Radio. Da öffnet sich leise die Tür. Mein Sohn nähert sich. Er ist zu dem Zeitpunkt, von dem ich erzähle, 15 Jahre alt, in einem Alter also, das gemeinhin als problematisch gilt. Ich drehe mich nach ihm um und frage ihn freundlich: „Was willst du?“ Er antwortet: „Ich will bei dir sein.“ Er holt sich einen Stuhl und setzt sich neben mich. Ich denke, dass er meine Arbeit mitverfolgt. Aber er schaut gar nicht hin. Es geht ihm nur darum, bei mir zu sitzen.

Nach ungefähr einer Viertelstunde, in der außer dem leisen Klacken meiner Computertastatur gar nichts geschieht, sagt er: „Tschüss, Papa. Ich gehe jetzt Fußballspielen.“ Ich nicke ihm zu, sage: „Tschüss, mein Sohn, und viel Spaß. Hoffentlich gewinnt Ihr!“ Doch da ist er schon fast verschwunden, und ich arbeite weiter an meinem Text.

 

Aber das geschieht nun anders als vorher, leichter, beschwingter. Ich freue mich darüber, dass mein Sohn einfach nur bei mir sein wollte. Und denke: vielleicht ist das eines der Geheimnisse eines glücklichen Zusammenlebens, dass jemand da ist, der einfach sagt: „Ich will bei dir sein“, ohne Forderung, ohne Hintergedanken, ohne ein dickes Ende, das manchmal solchen Ankündigungen folgt. Mehr braucht es nicht, um zu wissen: Dieser Mensch ist mir wohlgesonnen, er mag mich, er liebt mich, und zwar so sehr, dass es ihm genügt, bei mir zu sein. Das ist Glück.

 

Das Erlebnis ist nun schon zwanzig Jahre her. Mein Sohn ist erfolgreich in seinem Beruf, und ich bin ein alter Mann geworden. Aber immer noch höre ich seine leise Stimme: „Ich will bei dir sein.“ Manchmal telefonieren wir miteinander. Der Kontakt ist nicht abgerissen; er ist nur anders geworden. Geblieben ist die Freude aneinander, die besonders dann aufkommt, wenn wir einander nach langen Reisen in die Arme schließen. Dann ist er wieder bei mir; und wieder genügt es ihm, bei mir zu sein. Und mir genügt es, bei ihm zu sein.

 

Wer das kennt und erlebt, versteht auch den großen Trost, den die Jünger Jesu empfanden, als sie ihren Meister sagen hörten: „Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“ Es ist die Liebe Jesu zu den Seinen, die ihn das sagen lässt. Sie trifft auf ihr Gegenstück, ihre Liebe zu Jesus. Und so formiert sich das Glück, bei Jesus zu sein und Jesus bei sich zu wissen, zu einem Lied, das wir in der Kirche gerne und oft singen: „Bei dir, Jesus, will ich bleiben.“ Vielleicht ist es auch für Jesus in seiner himmlischen Welt ein großes Glück, dass es Menschen gibt, die bei ihm sein wollen, ohne Forderung, ohne Hintergedanken.

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