Betteln bei leichtem Regen

Wort zum Tage

Ihre Haare sind weiß und etwas struppig. Das Gesicht ist halb verdeckt hinter einem Schal; ihr Rücken ist leicht nach vorne gekrümmt. So sitzt die Frau auf der Parkbank und bettelt. Bettelt ein bisschen, muss ich sagen. Sie schaut selten hoch, schaut niemanden an, hat aber ein Kästchen vor sich. Da liegen Münzen drin, nehme ich an. Es sieht aus, als würde sie sich schämen zu betteln. Als müsse es aber trotzdem sein, weil sonst das Geld nicht reicht für Brot, Strom und Heizung. Sie bettelt und will es doch nicht. Ein Riss in der Seele.

 

Ich stehe etwas abseits und schaue hin. Ein paar Minuten. Manchmal wirft jemand eine Münze in den Blechkasten. Das Geräusch hört man. Ob die Frau so etwas wie ‚Danke‘ sagt, höre ich nicht. Ich sehe nur ein Bild des Jammers. Ob sie je gedacht hat, einmal betteln zu müssen? Bestimmt nicht. Das Wetter ist auch nicht gerade freundlich zu ihr. Leichter Nieselregen. Ich hab’s besser und stehe unter einem Baum. Da ist es trocken. Auf der Parkbank der alten Frau eher nicht. Ein paar Jugendliche gehen an ihr vorbei. Sie haben Flaschen in der Hand, sprechen und lachen laut, achten nur auf sich. Die Frau sehen sie nicht. Oder wollen sie nicht sehen. Ich merke, wie mich das berührt. Auch Weggucker sind ein Jammer.

 

Er geht mir ans Herz. Niemand, sage ich mir, niemand auf der Welt hat es verdient zu betteln. Auch wenn andere meinen: selbst schuld. Verdient hat die Frau es trotzdem nicht. Betteln bei leichtem Regen - das verdient niemand. Sei die Schuld auch noch so groß.

 

Allmählich wird es dämmrig im Park. Meine Augen müssen sich anstrengen.

 

Ein Mann geht auf die Frau zu. Vornehm wirkt er im Mantel, mit Schirm. Lange sieht es aus, als gehe er vorbei. Dann stockt er, dreht sich doch um und wirft eine Münze in den Kasten. Es scheppert bis zu mir. Ein paar Sekunden steht er dann still, als wüsste er nicht genau. Auf einmal hebt er seine Hand, beugt sich leicht nach vorn und streicht der alten Frau über Kopf und Schultern. Wieder rührt das mein Herz, diesmal noch tiefer. Ein Moment, als streife Seligkeit die alte Frau. Beim Betteln im leichten Regen. Als sei der liebe Gott gerade heute mal im Park. Und heile den Riss in der Seele.

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