Blattgold

Wort zum Tage

„Wünschet anderen nichts, was ihr euch nicht für euch selbst wünschet.“ „Tue nicht anderen, was du nicht willst, dass sie Dir tun.“ „Ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, wie kann ich ihn einem anderen zumuten?“

Die Worte stehen schwarz auf weiß auf einem kleinen Lesezeichen. Auf der Weltausstellung der Reformation bei uns in Wittenberg wurden sie in der Themenwoche „Interreligiosität“ an vielen Orten verteilt. Es sind unterschiedliche Formulierungen der sogenannten „Goldenen Regel“. Die gibt es in allen Religionen. Und wir kennen sie auch als Sprichwort: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andren zu.“

Goldene Regeln. Ja, sie müssten golden gedruckt sein, finde ich. Wenn es nicht anders geht, auch schwarz. Aber möglichst auf goldenem Papier. Es sind Worte, so zart und so kostbar wie Blattgold. Das muss man mit Handschuhen anfassen und mit dem Pinsel vorsichtig auftragen. Allzu heftig atmen darf man dabei nicht, denn sonst zerfällt das Gold und wird weggeweht und geht unter im Staub und im Schmutz.

„Alles was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch“, sagt Jesus (Matthäus 7,12). Diese Worte sind wie Blattgold. Sie könnten unseren Alltag vergolden, wenn wir sie richtig, wenn wir sie überhaupt einsetzen. Anderen so begegnen, wie ich es mir von ihnen wünsche. Nicht immer recht behalten müssen. Freundlich sein. Bei allem, was ich tue oder sage, überlegen: Wie ist das jetzt gerade für den anderen? Ach ja, denken Sie. Ach ja, denke ich. So leicht eigentlich. Und so schwer. Wer bekommt das schon hin?

Und dann sind wir auch noch enttäuscht, wenn das, was uns selbst nicht gelingen will, den anderen nicht gelingt. Den Kirchen nicht, denkt bloß an die Kreuzzüge und den Bauernkrieg. Und dem Islam gelingt das nicht. Und diese angeblich so friedlichen asiatischen Religionen helfen den Menschen dort auch nur bedingt aus ihrem Elend.

Und schon fallen die goldenen Worte in den Staub und Schmutz der gegenseitigen Vorurteile. Und werden zertreten auf dem Boden einer Tatsache: Dass alle Religionen es schwer haben, die Möglichkeit einer besseren und friedlicheren Welt in eine Wirklichkeit zu verwandeln. In der Geschichte war das so. In der Gegenwart ist es so.

Aber die Worte bleiben. Sie sind in der Welt. Golden, zart, kostbar. Immer wieder in den Schmutz gefallen. Oft gerade von den Glaubenden so gering geachtet. Die Worte sind da. Und wer sie sich zu Herzen nimmt und so handelt, wie es ihnen entspricht, behutsam und beherzt, der vergoldet die Welt. Mit einem Glanz, der von Gott kommt.

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