Das Leben ganz unten

Wort zum Tage

Sein Aufstieg war rasant; das muss man sagen. Vizechef war er schon nach fünf Jahren. Jens war oben angekommen, mit Ende dreißig. Und sah dort nur sich, sonnte sich im Können, in seinem Erfolg. Der Abstieg dann ging noch viel schneller. Die Firma wurde verkauft, Jens entsorgt, sozusagen. Nach drei Tagen und einer Abfindung war er ohne Arbeit. Und bitter. So schnell geht das. Viele hatten es kommen sehen, er nicht. Er wollte es nicht sehen, weiß Jens heute. Er sah nur auf seinen Erfolg. Rieb sich die eigenen Hände. Gab das Geld gerne aus. Dass er dabei auf dünnem Eis lebte, wollte er nicht wissen. Er merkte es erst, als ihm kein Wecker mehr klingelte. Und an seiner Bitterkeit, nicht mehr gebraucht zu werden. Das tut weh. Tag für Tag ohne Aufgabe.

 

Doch, eine hatte er noch. Seinen Onkel besuchen. Der lebte im Altenheim. Heute sagt man lieber „Seniorenheim“, damit es schön klingt. Es war aber nicht so schön. Viele Bewohner gab es, bei wenig Personal. Jens ärgerte sich oft darüber und fing an, Hand anzulegen. Den Onkel freute das. Der Onkel hat mich gerettet, sagt Jens heute. Zum Schluss ging er fast jeden zweiten Tag zum Onkel. Brachte Obst mit, schnitt es klein, machte auch mal das Waschbecken sauber oder reichte Essen an. Alle Bewohner auf dem Flur kannten ihn. Mochten ihn auch. Bis eines Tages der Onkel sagte: Junge, sagte er, das wär‘ doch was für Dich; hier brauchen sie Dich. Wirklich. Der Onkel hat mich gerettet, sagt Jens.

 

Ein Wink des Himmels, denkt Jens heute. Lange sah er den Wink nicht, schaute eher zurück als nach vorn. Dann hat er’s doch versucht. Die Umschulung war hart. Er musste das Leben neu lernen. Von unten, vom Ende her lernen. Mehr Karwoche als Sommersonne. Oft mehr Not ist als Zuversicht. Wenn es nicht um Erfolg geht, sondern um Wärme. Um ein geneigtes Herz. Jens‘ Gehalt ist nicht üppig, kein Vergleich zu früher. Der Schichtdienst ist oft eine Last. Schön ist, wenn seine Freundin die gleiche Schicht hat. Und Bewohner sich freuen; er gebraucht wird. Weil er lachen kann. Und so schön betet. Weil er Menschen sieht, nicht Alte. Jens ist zum Glück geworden. Für andere. Und sich. Der Onkel hat’s geahnt. Zukunft hat, wer gebraucht wird.

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