Der Dank macht, dass es reicht

Wort zum Tage

Das ging ganz schnell. Ritsch, Ratsch. Eine kleine Bewegung von oben nach unten, von links nach rechts. Meine Großmutter hatte die Angewohnheit, einen frischen Laib Brot vor dem Anschneiden mit der Spitze ihres altgedienten Brotmessers zu bekreuzigen. Auf der dunklen Unterseite. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sie es jemals vergessen hätte. Für mich als kleinen Jungen war das ein besonderer Moment - ein geheimnisvoller: wie die Spitze zügig über die raue, dunkle Unterseite des Brotes ratscht und  ein Gemisch aus Mehl und schwarzer Kruste auf den Küchentisch rieselt. Wie sie das Brot  auf das Brett legt. Und dann war es auch schon wieder vorbei. 

 

Dieser Moment unterbrach die schnellen Handgriffe, die eiligen Vorbereitungen und alle Geschäftigkeit. Meine Großmutter war nach außen hin kein besonders frommer Mensch. Am Tisch haben wir nie gebetet. Diese Geste jedoch hat sie verraten als einen religiösen Menschen. Eine Geste wie ein kurzes Gebet; ein Gebet in einer Geste. Meine Großmutter würdigte damit etwas, was mir so selbstverständlich erschien, es aber für sie nie war: das tägliche Brot. 

 

Meine Mutter hat das Bekreuzigen des Brotes übernommen und behielt es bei, bis sie irgendwann  ihr Brot dann gleich geschnitten kaufte. Ich versuche es hin und wieder mit dem Kreuzzeichen auf einem Laib Brot. Aber es geht mir nicht so recht von der Hand. Offenbar geht mir der Dank  nur schwer von der Hand. Was es auch immer ist, es hat ihn ziemlich gut im Griff, den Dank, und hält ihn zurück.

 

Jesus dagegen war ein Meister dieser kleinen Unterbrechung durch den Dank. Er hat wahrscheinlich nie etwas zu sich genommen, ohne vorher dafür zu danken. Am Abend vor seiner Verhaftung, beim letzten Mahl mit seinen Jüngern, dankte er für  das Brot, bevor es teilte. Oder lange vorher, als die vielen Leute, 5000, sagt die Bibel, die gekommen waren, um ihn zu sehen und ihm zuzuhören, langsam hungrig wurden: Da dankte er für die  wenigen  Brote und die paar  Fische, bevor er sie an die Menschen verteilen ließ.

 

Offenbar gehören Danken und Teilen zusammen, gehen Hand in Hand. Der Dank macht, dass es reicht. Das Danken macht etwas mit denen, die es tun. Wer dankt, faltet seine Hände und betet. Oder macht ein Kreuzzeichen wie meine Mutter und meine Großmutter. Wer so dankt, benutzt nicht einfach und zerstört nicht. Wer dankt, erkennt sich als Geschöpf Gottes. Und weiß: Ich bin nicht das Produkt meiner selbst; ich verdanke mich einem Anderen. Der Dank öffnet die Hände und macht, dass es reicht.  Wie gut, mal kurz zu unterbrechen. Die Hände falten – und sie öffnen.

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