Der Schwebende

Wort zum Tage

Seid leise. Psst. Sonst weckt ihr ihn auf. Die Schlosskirche in Wittenberg ist in diesem Jubiläumsjahr alles andere als ein Ort der Stille. Besuchergruppen aus Deutschland und der ganzen Welt schieben sich hindurch. Sie fotografieren, sie bekommen eine Führung, sie unterhalten sich, auf Englisch und Schwäbisch und Chinesisch. Nein, ein Ort der Stille ist diese Kirche wirklich nicht.

Aber seit einigen Wochen haben wir in der Schlosskirche einen Engel zu Besuch. Er hängt über dem Mittelgang. Es ist „Der Schwebende“ von Ernst Barlach. Ein großer Engel aus Bronze, waagerecht in der Luft, ohne sichtbare Flügel. Er hat die Hände über der Brust gekreuzt und die Augen geschlossen. Sein Gesicht strahlt viel Ruhe aus. Selbst die lautesten Touristen werden leiser, wenn sie unter ihm durchgehen müssen. Ganz dicht über ihren Köpfen schwebt er. Psst. Weckt ihn nicht auf!

Ernst Barlach hatte diesen Engel 1927 als Mahnmal gegen den Krieg geschaffen. Nur zehn Jahre lang hing er im Güstrower Dom. Denn die Werke von Ernst Barlach zählten im Dritten Reich zur „entarteten Kunst“. In Güstrow wurde sein Engel schon im August 1937 abgenommen. Die Deutschen Christen hatten dort das Sagen. Und weil die Ruhe dieses Engels für die neuen Machthaber nicht zu ertragen war und der Frieden, den er ausstrahlt, haben sie ihn eingeschmolzen. Weil sie vergessen wollten, was Krieg bedeutet. 1941 meldete eine Schweriner Firma die erfolgreiche Verschrottung des Engels. Da tobte längst schon wieder ein Krieg in Europa.

Heute hängt ein Abguss des Engels wieder in Güstrow. Und jetzt ist er gerade bei uns in Wittenberg zu Besuch und dort, wo er ist, wird es leiser. Ich wünschte mir noch viel mehr Abgüsse dieses Engels. Ich würde sie am liebsten in alle Regierungsgebäude und Hauptquartiere dieser Welt schicken. Und sie über den Köpfen derer aufhängen, die mit ihrer Politik über Krieg und Frieden entscheiden, über Waffenlieferungen und Abschreckungsstrategien. Damit sie alle leiser werden. Damit es endlich eine Welt gibt ohne den Lärm des Krieges. Fragt doch den Engel, wie sich der Krieg anfühlt. Er hat es am eigenen Leib erfahren. Und seid doch leiser, ihr Mächtigen zuerst. Weckt den Engel nicht auf. Ihr könnt seine Ruhe gebrauchen.

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