Der Wagen, der rollt

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Im Zug, gegen die Fahrtrichtung sitzend durch die Zeit reisen. Mit 240 Kilometern in der Stunde. Es ist die Ruhezone im Großraumwagen und – ein kleines Wunder – niemand telefoniert. Stattdessen viel Stille und darin: Gemurmel, gedämpfte Stimmen, Schweigen, Atmen, Schlummern, Sinnen, Lesen. Bücher und Laptops öffnen sich für Geschichten. Jeder Bildschirm ein Tor in eine Welt. Gedanken gehen auf die Reise. Niemand schimpft über Funklöcher. Kaffee wird gereicht. Auch in der zweiten Klasse. „Mit Zucker?“ – „Nein, Danke.“ Und aus dem Fenster schauen: Draußen fährt das Land vorbei: „Felder, Wiesen und Wälder“, kein leuchtendes Ährengold zwar, eher Spätwinter in Vorfrühlingsgrau. Aber die Städte und Dörfer sind alle unzerstört und schauen kaum auf. Und der Wagen, der rollt.

 

Drinnen sitzt die Menschlichkeit: In einem einzigen Großraumwagen 115 von Geist beseelte Körper, die alle einen Namen haben, die denken und empfinden, die in irgendeiner Sprache sprechen können. Männer, Frauen, Familien, Freundinnen und Fremde. Suchende und Gefundene, Alte und Junge. Mutter, Krankenpfleger und Architektin, Cellist und IT-Spezialistin. Manche gut situiert, manche auf Hartz IV. Reisen und rasen durch die Zeit. Atmen, hoffen, werden sterben. Können freundlich sein, hilfsbereit, heiter und humorvoll. Dann wieder mürrisch, selbstgerecht, unglücklich und so weiter. Wir machen Geschenke, oder Lärm und Schmutz, oder wir machen beides. Wir Menschen.

 

Aber der Wagen, der rollt, und wir werden langsam hungrig. Brote werden ausgepackt, Mandarinen geschält, der Trolley mit den Snacks kommt vorbei. Gegen Geld gibt’s Kalorien. „Lassen Sie mich bitte mal raus?“ „Aber natürlich.“ Was ein Lächeln alles kann. Und der hässliche Hund der strickenden Frau mit dem russischen Akzent schläft unterm Sitz. Friede auf Erden, den Menschen ein Wohlgefallen. Dann schwebt ein Mädchen vorbei, blondstruppig, zart, trägt einen Säugling vor der Brust durch den Zug. Wiegender Gang, leiser Gesang. Es summen Kehle und Seele.

 

In einem einzigen Großraumwagen so viele Geschichten. Einer kommt und verteilt „Ihr Reiseplan“, eine will die Fahrscheine sehen, und ich sitze dazwischen, trinke Kaffee, schaue aus dem Fenster und für Sekunden denkt es in mir: „Ebenbilder Gottes, geliebt, alle.“ Und der Wagen, der rollt, rast durch die Zeit. Felder, Wiesen und Wälder. Mit 240 Sachen. Und in mir denkt es: „Ebenbilder Gottes. Alle geliebt.“

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