Die Namen der Dinge

Wort zum Tage

Die Sohle löst sich vom Schuh. Die Uhr steht still. Der Riemen der Tasche ist gerissen. Und jetzt? Reparieren? Neu kaufen! Wir neigen oft dazu, Gegenstände, die leicht beschädigt sind, wegzuwerfen. Entweder lohnt sich der finanzielle Aufwand nicht, ist die Zeit zu schade oder die Lust auf etwas Neues zu groß. Die meisten werden mit nur noch wenigen Dingen gemeinsam alt, sind mit Wenigem auf eine intime und bedeutsame Weise verbunden. Nur Weniges ist über die Jahrzehnte ein Teil von uns geworden.

 

Einer meiner Großonkel hatte nur ein Bein. Er musste sich immer auf einen Stock stützen, um mit seiner Prothese gut laufen zu können. Irgendwann schenkte er mir einen seiner Stöcke. Es war ein selbstgeschnitzter, mit einem über die Jahrzehnte spiegelglatt gewordenen Knauf. Dieser Knauf roch nach meinem Großonkel. Der Geruch hielt sich noch, da war er schon viele Jahre tot.

 

Dieser Stock war ein Teil seiner alltäglichen Lebenserfahrung, seiner Identität und Geschichte. So sehr, dass er sogar den Geruch seines Besitzers in sich aufnahm. Den Stock wegzuwerfen hätte bedeutet, etwas von sich selbst wegzuwerfen. Verschenken ging gerade noch. Damit verschenkte er einen Teil von sich selbst. Und ich erinnere mich noch genau, wie mein Großonkel ihn mir überließ. Ein fast heiliger Augenblick.

 

Manche geben vertrauten Dingen Namen, um sie sich weiter anzuverwandeln. Welche Dinge nenne ich noch beim Namen?

 

Ich glaube, der Umgang mit den Dingen beeinflusst die Art, wie wir Menschen miteinander umgehen. Wissen wir um ihre Schadstellen, ihre Risse und Einschränkungen, halten wir uns ihnen gegenüber zurück. Oder wir trauen ihnen vielleicht nicht mehr ganz so viel zu und verlassen uns, wenn es darauf ankommt, lieber auf die Intakten, Funktionstüchtigen. Ignorieren wir Menschen aufgrund ihrer offensichtlichen Einschränkungen und Schwächen, hindern wir sie am Leben. Und wir übersehen die besonderen Gaben, die oft in ihnen verborgen sind.

 

Gott ist da offenbar anders. Das geknickte Schilfrohr wird nicht zerbrechen, verspricht er im Buch des Propheten Jesaja. Die meisten kennen das Gefühl geknickt zu sein, nur begrenzt belastbar, eingeschränkt funktionstüchtig, seien unsere Verletzungen und Beschädigungen nun sichtbar oder nicht. Ein mitfühlendes Leben ist von der tiefen Überzeugung geprägt, dass Schwäche sein darf; und dass darin oft eine Stärke verborgen ist. Ich habe dich bei deinem Namen genannt, du gehörst zu mir. So spricht Gott. Und ich höre darin: Er geht aufmerksam mit uns um. Und austauschen wird er uns sicher nicht.

 

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