Eine Apotheke für die Seele

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Ein sonniger Herbsttag in den Alpen. Vom Allgäu aus mache ich einen Ausflug nach St. Gallen in die Schweiz. Mein Weg führt mich über kurvige Gebirgspässe. Traumhafte Blicke in eine schneebedeckte Gebirgslandschaft. Die Herbstsonne taucht die Landschaft in warmes, gelbliches Licht. Von einem Aussichtspunkt blicke ich auf den Bodensee, eingehüllt in leichtem Bodennebel. Blicke ich zur anderen Seite, kann ich die Schweizer Hochalpen sehen. Majestätische Gipfel zeichnen sich in den hellblauen Himmel. Was für eine paradiesische Landschaft, denke ich, eine wahre Wohltat für die Seele.

 

Doch der Höhepunkt des Tages kommt noch. Ich erreiche St. Gallen. Ich schlendere durch die malerischen Gassen der Altstadt, genieße die Nachmittagssonne. Hier gründete vor mehr als 1500 Jahren der irische Mönch Gallus eine einsame Zelle. Heute steht hier ein Bendediktinerkloster mit einer prächtigen Klosterkirche. Ich besuche die Klosterbibliothek. Es ist der Eintritt in ein Paradies. Zwei Etagen volle Bücherregale in spätbarockem Stil. Es riecht nach altem Papier und Holz. Deckengemälde und die bemalten und gedrechselten Bücherregale sind aufeinander harmonisch abgestimmt. Ich gehe an die Regale, entdecke alte Folianten, in Vitrinen sind alte Handschriften ausgestellt, manche über tausend Jahre alt. Was für eine Ansammlung von Wissen und Erfahrungen von Jahrhunderten eingebettet in ein Gesamtkunstwerk. Ein Kleinod abendländischer Kultur. Hier könnte ich Stunden, ja Tage verbringen.

 

Beim Hinausgehen blicke ich noch einmal zurück auf das Eingangsportal. Eine griechische Inschrift: Psyches Iatreion, lese ich. Auf einem Schild daneben die Übersetzung: „Heilstätte für die Seele“ oder auch „Seelenapotheke“. Eine Apotheke für die Seele. Ein passendes Bild für diese Bibliothek. Hier kann ich in den Büchern und Handschriften Arznei für die Seele finden. Je nach dem seelischen Bedürfnis hält sie ein geeignetes Heilmittel bereit, gesammelt aus Jahrhunderten menschlicher Erfahrung. An diesem Tag, in diesem Moment kann ich die wahre Bedeutung dieser Inschrift spüren. Es fällt mir schwer, diesen Ort zu verlassen.

 

Auf der Rückfahrt, wieder mit wunderbaren Aussichten, kommt es mir in den Sinn: Habe ich so eine Apotheke nicht auch zuhause auf meinem Schreibtisch liegen? Ja, meine Bibel ist auch so eine Sammlung von Büchern und Briefen, versammelte Menschen- und Gotteserfahrungen aus vielen Jahrhunderten. Gut, dass ich eine solche Seelenapotheke bei mir zu Hause habe, denke ich, und genieße den Sonnenuntergang mit Blick auf den Bodensee.

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