Eine attraktive Idee

Wort zum Tage

Vor einiger Zeit war ich im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe in der Ausstellung „Imperium der Götter“, über Kulte und Religionen im römischen Weltreich. Warum aus einer anfangs unbedeutenden Randreligion wie dem Christentum damals in nur wenigen Jahrzehnten eine Staatsreligion werden konnte, darauf versucht die Ausstellung Antworten zu geben. Eben noch wurden die Christen verfolgt und von Löwen in der Arena zerrissen, plötzlich gab es einen regelrechten Boom, Christ zu werden. Woher kam im 3. und 4. Jahrhundert nach Christus diese schnelle Wandlung? Warum konnte sich die christliche Religion gegen die etablierte griechisch-römische Götterwelt und die Mysterienkulte der Antike durchsetzen?

 

Vor allem, weil die Christen eine neue Idee in die Welt brachten: das Leben jedes einzelnen Menschen ist Teil der großen Liebesgeschichte zwischen Gott und den Menschen und jeder kann seinen Platz im großen Weltenplan finden. Für die Römer war das Lebensgefühl ein anderes gewesen. Die Götter gnädig stimmen, ja – für den überwiegenden Teil des Lebens war man selbst zuständig. Glück hatte, wer aus einem reichen Haus kam, und Pech, wer arm war. Die griechischen und römischen Götter waren nicht daran interessiert, wie es den Menschen erging.

 

Ganz anders der christliche Gott: er war leidenschaftlich interessiert „am Los jeder einzelnen Seele, (…) und nicht bloß am Schicksal der Königreiche, der Imperien oder der Menschheit im Allgemeinen“, urteilt ein Spezialist für die römische Antike.

 

Wie ein unsichtbarer Magnet brachte die Liebesgeschichte zwischen Gott und Mensch das Leben der Menschen in eine Ordnung, in der nun jede Tat und jede innere Bewegung einen neuen Sinn bekam: Füreinander verantwortlich zu sein, sich um den Nächsten zu sorgen, so wie es die Christen taten, wurde attraktiv für viele Menschen. Einen eher belanglosen Privatglauben, den kannte man ja schon. Das Neue war, sich zusammen zu finden und etwas für andere zu tun. Deshalb wurde der Glaube der christlichen Minderheit so anziehend, für Gebildete wie für Analphabeten. Sklaven und niedere Bedienstete hatten denselben Zugang zu Gott wie die Reichen und Mächtigen.

 

Heute scheint es mir, als ginge die Bewegung wieder in die andere Richtung: ‚Mein privater Glaube gehört mir. Der geht niemanden etwas an!‘ Jesus dagegen bestätigt das wichtigste Gebot der Bibel: Du sollst Gott lieben – und deinen Nächsten wie dich selbst. Das eine geht direkt mit dem anderen zusammen. Beim Gang durch die Ausstellung über die alten Römer und die christliche Religion dachte ich einmal mehr: Glaube ist persönlich – aber nie privat.

 

Zitat: Paul Veyne. Als unsere Welt christlich wurde. Aufstieg einer Sekte zur Weltmacht. C.H.Beck Stuttgart 2011 (2008), Seite 30

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