Erinnerung an die Gnade

Wort zum Tage

Sie hatten Langeweile, sagt der Staatsanwalt. Einfach Langeweile. Es war voriges Jahr, spät in der Heiligen Nacht. Geschäfte und Lokale sind geschlossen. Jugendliche laufen in Berlin herum, ohne Ziel. Da sehen einen Obdachlosen. Im U-Bahnhof. Auch er ohne Ziel. Schläft auf der Bank. Einer der Jugendlichen hat eine Idee. Eine  grausame Idee. Er nimmt ein Papiertaschentuch, zündet es an und legt es neben den Kopf des Schlafenden. Da brennt es vor sich hin. Kameras im U-Bahnhof zeichnen alles auf. Die Jugendlichen lachen und laufen weg. Dem haben sie es aber mal gegeben. Schon brennt der Mantel des Obdachlosen. Eine U-Bahn kommt. Der Fahrer sieht und beginnt zu löschen. Fahrgäste helfen. Nochmal gut gegangen.

 

Nein, es ist nicht „nochmal gut gegangen“. Die Jugendlichen stehen bald darauf vor Gericht. Es spielt keine Rolle, dass sie aus Syrien sind. Einheimische können das auch. Treten, bis der Arzt kommt. Oder der Tod. Aus Langeweile. Oder aus Verachtung. Schwache haben es oft doppelt schwer. Einmal sind sie schwach, der Welt kaum noch gewachsen. Dazu trifft sie oft noch Verachtung. Nicht etwa Freundlichkeit. Wie oft schauen Menschen auf die herab, die schon weit unten sind. Wie gerne fühlen sich Menschen besser als die „Penner“, die angeblich „Arbeitsscheuen“, die „von unserem Geld“ leben. Wie ein Naturgesetz kommt einem das vor. Der verächtliche Blick auf die, die schon am Boden sind. Wegschauen geht immer; johlen und spotten auch. Wer noch eins draufsetzt, ruft ihnen Bitteres hinterher. „Selbst schuld“ ist noch harmlos. Wie gut fühlt man sich dann?

 

Gott allerdings nicht. Ich denke: er ist zornig, wenn Menschen verachtet werden mit Worten oder Schlägen. Es ist nicht vorstellbar, dass Gott wegschaut, wenn sein Ebenbild missachtet wird. Dann erinnert er an die Gnade, die ich bekommen habe. Du gehst aufrecht, hast Einkommen, Freunde. Hast ein Dach über dem Kopf und vielleicht Gesundheit. Vergiss deine Gnade nicht, lässt Gott mich oft wissen. Vergiss deine Gnade  n i e. Und ich gebe mir Mühe. Zumindest mit einem gnädigen Blick. Und freundlichen Worten. In Gottes Augen bin ich kein Herr. Aber ein Bruder der Schwachen.

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