Fesseln lösen

Wort zum Tage

Still war die Nacht im Gefängnis; vielleicht zu still für die Wächter. Sie waren im Tiefschlaf, obwohl sie einen prominenten Gefangenen hatten: Petrus. Öffentlich hatte er erklärt: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Und nun witterte man Aufruhr. Jetzt saß er in Fesseln. Auch der Gefangene muss einen festen Schlaf gehabt haben. Vielleicht weil er so fest darauf vertraute, geborgen bei Gott zu sein.

 

Aus der dunklen Stille wurde plötzlich gleißende Helle, als eine Gestalt in die Gefängniszelle trat. Die Engelsgestalt weckte Petrus – ein Schubs in die Seite und ein kurzer Satz: Steh schnell auf. Die Fesseln lösten sich. Was für eine eine Hoffnungsgeschichte: Wachposten und Ketten verwandelten sich in Licht und Freiheit. Und am Ende tat sich ein Tor von selbst auf. Nicht ganz. Petrus musste alle Kraft zusammen nehmen, um aufzustehen. War es geträumt, war es wirklich? Woher kam die Lichtgestalt, warum schliefen die Wachen weiter, wie lösten sich die Fesseln?

 

Was braucht es die Erklärungen danach, die erfassen wollen, was ohnehin kaum zu fassen ist. Eine Befreiung wie ein Traum. „Als würden wir träumen“, erzählten Menschen nach ihrem Ausflug in jener Herbstnacht 1989 durch die geöffneten Mauerschranken zwischen Ost- und Westberlin. Befreiung, die dir in den Kopf geht, aber auch in Herz und Seele, Füße und Hände. Eine Befreiung wie ein Traum. Was hilft es im Nachhinein zu erklären, wie beispielsweise ein Zettel mit einer kurzen Nachricht darauf in einer Pressekonferenz wirken konnte? Wie dieser Zettel und die geöffneten Schranken miteinander zusammen hängen?

 

Worauf es weiter ankommt, erzählt die Geschichte aus der Bibel auch noch. Da gab es eine kleine, verschreckte christliche Hausgemeinschaft. Deren Situation war verzweifelt – aber im Beten gab es keine Pause. Das Gebet für die Gefangenen, die Festgesetzten, für die Überwachten – manche Gebetsanliegen haben sich bis heute kaum geändert. Wer hofft, betet; wer betet, findet die Kraft durchzuhalten, nicht aufzugeben.

 

Und Petrus selbst? Vom Engel ins Freie gelotst, stapfte er durch die Nacht zur kleinen Hausgemeinde. Und jetzt überschlagen sich die Ereignisse: Sprachlos sind die Männer und Frauen, dass ihr Gebet gehört, dass Petrus frei ist. Klar ist ihnen auch: Gott selbst war das gewesen. Was sie nicht konnten, machte Gott möglich. Die Menschen sind also außer sich. Wie soll man da nicht außer sich sein, wenn man so etwas erfährt. Aber jetzt geht es wieder nicht um Erklärungen, sondern darum, die Tür zu öffnen und Petrus hereinzulassen, ihn zu versorgen, mit ihm den nächsten Schritt zu planen. Gebet und Gemeinschaft gehören mit hinein in die Geschichte von der Lösung aus den Ketten.

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