Flügel der Morgenröte

Wort zum Tage

Gesetzt den Fall, die Bibel hätte Recht. Auf ihre ganz eigene Art. Gesetzt den Fall, es wäre keine Zeitverschwendung, sich mit ihr zu beschäftigen. So wie ein Waldspaziergang keine Zeitverschwendung ist oder das Genießen einer Aussicht. Oder die Erinnerung an einen Strand deiner Kindheit.

 

Ein Sommerurlaub. Das Meer sehr groß, du sehr klein, aber nicht alleine und darum furchtlos. Selbst, wenn die Wellen dich umzustoßen drohen, es gibt immer eine Hand, die da ist und dich rettet. Und die Tränen trocknen schnell. Dazu Sand, herrlich viel Sand, Muscheln und dieses Glitzern in der Luft. Der Wind im Haar. Das Rauschen. Pommes frites, die zwischen den Zähnen knirschen. Und wenn du hinfällst, tut es nicht weh. Jedenfalls nicht sehr.

 

Die Bibel hat Recht wie der Strand meiner Kindheit. Dieser Glücksort am Saum der Weite unter freiem Himmel. Und über den Erinnerungen tanzen wie bunte Lenkdrachen zauberschöne Worte: Flügel der Morgenröte. Äußerstes Meer. Ein Gott, der mich hält. Ein altes biblisches Gedicht, ein Gebet. Psalm 139. Nur die paar Worte sind noch da. Kostbare Erinnerungsstücke meines Glaubens. Wann ich diesen Vers das erste Mal gehört haben? Im Elternhaus, im Kindergottesdienst, in der Schule? Ich erinnere mich nicht. Jedenfalls haben sich mir die alten Worte von Gott und den Flügeln der Morgenröte und dem äußersten Meer mit Herz und Hirn verwoben. Verwoben mit den Erinnerungen an glückliche Tage am Strand, voller Weite und Schönheit, dem Glitzern und dem geborgenen Gefühl, wenn das Kind zwischen den Großen zurück ins Ferienhaus hüpft. Es ist ein wehmütiges Gefühl der Zugehörigkeit. Meer, Mensch, Morgenröte und Gott gehören zusammen? Was für ein kitschiger Gedanke. Oder? „Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“ – Immer, wenn ich ans Meer fahre zu den Lenkdrachen und dem blauen Horizont, tanzen mir diese alten Worte durch den Sinn: Von Flügeln der Morgenröte, von Geborgenheit und Kindheit und von einem Gott, von dem die Bibel sagt, er ist die Liebe. Und ich mitten drin. Was für ein schöner Gedanke. Oder?

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