Frère Roger

Wort zum Tage

Ein Augusttag im Zweiten Weltkrieg. Ein Student, 25 Jahre alt, kommt mit einigen Freunden in einen verfallenes Dorf in Burgund. Die meisten sind ausgewandert. Eine alte Frau trifft auf die jungen Leute und sagt: Bleiben Sie, wir sind so einsam hier. Und die jungen Männer bleiben und wohnen in einem alten Bauernhaus. Sie nehmen Juden, Flüchtlinge und Oppositionelle auf, bis die Gestapo nach zwei Jahren das Haus beschlagnahmt. Die jungen Männer fliehen, kehren aber später wieder in den Ort zurück.

 

Einer von ihnen heißt Roger, ein evangelischer Theologiestudent, gerade Pastor geworden. Der verlassene Ort heißt Taizé. Und Roger hat von Jugend an eine Vision: Eine geistliche Gemeinschaft im Sinne der alten Klosterregeln. Und wenige Jahre später legen seine Freunde und er dort Gelübde ab. Erstaunlich: Eine Ordensgemeinschaft mit evangelischen Wurzeln.

 

Aber Vorsicht: Frère Roger und seine Brüder wollten nicht vereinnahmt werden. Sie wollten ökumenisch sein, offen für alle. Das hat die Protestanten und Katholiken gleichermaßen irritiert. Aber Roger sagte: „Ich habe in mir meinen evangelischen Glauben mit dem katholischen versöhnt.“

 

Heute ist Taizé der wichtigste Pilgerort für Jugendliche aus allen Ländern und Kirchen. Die Gesänge von Taizé gehen um die Welt: „Meine Hoffnung und meine Freude“ – „Laudate omnes gentes“.

 

Frère Roger begegnete vielen Menschen: Kirchenführern, Päpsten, Politikern. Er erhielt Ehrendoktorwürden und Friedenspreise und dabei blieb der einfache nahe Mensch.

 

An einem Augustabend vor zwölf Jahren – Frère Roger ist inzwischen 90 Jahre alt – kommt eine Frau beim Abendgebet auf ihn zu. Plötzlich zückt sie ein Messer – und ersticht ihn. Wahnsinn.

 

Der Trauergottesdienst für Roger beginnt mit einem Gebet: „Gütiger Gott, wir vertrauen deinem Verzeihen diese Frau an (…). Mit Christus am Kreuz sagen wir zu dir: Vater, verzeih ihr, sie wusste nicht, was sie tat.“ Und versöhnlich wurde am Ende gesungen: „Confitemini Domino“. „Vertraut, dankt dem Herrn. Er ist gütig.“

 

Mich hat Frère Roger tief beeindruckt. Die eigenen Berufung leben. Sich nicht in Schubladen stecken lassen, Sich-versöhnen, Vertrauen in das Leben, das möchte ich auf meine Weise auch. Ein Satz von Frère Roger hilft mir dabei: „Christus, in deinem Vertrauen zu uns liegt der Sinn unseres Lebens.“

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