Gottesdienst

Wort zum Tage

Urlaub auf der Insel Rügen. Bei einer Radtour mache ich Rast in einem kleinen Dorf. In der Mitte steht die alte Backsteinkirche, auf einem Friedhof. Ich öffne das Friedhofstor und trete ein. Überall blüht es: Kletterrosen, Efeu, Sonnenblumen. Bienen summen. Die Sonne scheint. Ein Ort voller Leben. Ich schlendere über den Friedhof. Auf einem Grabstein lese ich: Wir sind immer auch das, was wir verloren haben.

 

Das stimmt. Wir sind nicht nur das, was wir erreicht haben im Leben. Was uns geschenkt worden ist. Sondern auch, was wir verloren haben. Was hab ich in meinem Leben schon verloren? Menschen, die mir wichtig waren, sind gestorben. Familienangehörige und auch gute Freunde. Manche waren jünger als ich heute bin.

 

Ich habe auch anderes verloren, verpasst. Als ich mit dem Studium begann, musste ich aufhören mit dem Klavierunterricht. Schade. Damals konnte ich ganz schwere Stücke von Chopin spielen. Heute komm ich kaum mehr zum Spielen, geschweige denn zum Üben. Es geht eben nicht alles.

 

Dann ist eine Partnerschaft nach langen Jahren zu Ende gegangen, von der ich dachte, sie hält ein Leben lang. Manche Freundschaften sind verloren gegangen. Ich habe Ideale verloren. Und: Ich habe Fehler gemacht, viel mehr als ich sehen kann. Wir sind immer auch das, was wir verloren haben. Traurig, aber wahr.

 

Ohne diese Verluste – wäre ich jetzt ein anderer Mensch. Möchte ich das sein – ein anderer Mensch? Eigentlich nicht. Die Verluste und Abschiede haben mich nicht nur ärmer gemacht; sie haben mich auch wachsen lassen und Platz für Neues gemacht. Das Neue hätte gar keine Chance gehabt, wäre nicht vorher etwas zu Ende gegangen.

 

So bin ich dankbar für die verlorenen Menschen und Zeiten. Sie haben mich reich gemacht zu ihrer Zeit. Was ich verloren habe, bleibt bei mir – das bin ich.

 

Wir sind immer auch das, was wir verloren haben, steht auf dem Grabstein. Auf dem Nachbargrab ist ein Kreuz, über und über mit Rosen umwachsen. Jesus sagt einmal: Seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Überwunden – vielleicht so, wie diese Rosen an dem Kreuz hoch-ranken und sich über es winden.

 

Auch das Kreuz meines Lebens. All das, was wehgetan hat und manchmal immer noch weh tut, ist überwunden. Nicht beseitigt, nicht vergessen oder unwichtig geworden, sondern in Ehren gehalten und überwunden: Wie wunderschön von Rosen bewachsen, die gen Himmel hochklettern, am liebsten rosa oder rot.

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