Lärm und Ruhe

Wort zum Tage

Der Dichter Rainer-Maria Rilke sehnt sich nach Ruhe, nach Stille:

 

„Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.

Wenn das Zufällige und Ungefähre

verstummte und das nachbarliche Lachen,

dann könnte ich in einem tausendfachen

Gedanken bis an deinen Rand dich denken …

um dich an alles Leben zu verschenken.“

 

Diese Sehnsucht kennen viele: Wenn es nur einmal ganz still wäre, dann … würden Gedanken sich ordnen … Wege sich auftun … könnte man erkennen … aufatmen, befreit. Stattdessen lärmt es. Stattdessen diese Unruhe – und dieser Lärm.

 

Al arme – Zu den Waffen! Der Ruf aus dem romanischen Sprachgebrauch hat in seiner burgundischen Dialektvariante „al erme“ seinen Ursprung – Lärm. Durch und durch martialisch. Mit Krieg eng verbunden. Lärm ist ein Teil, der die Welt beherrschenden Gewalt. Ein Psalmwort fordert dazu auf: Seid stille und erkennt, dass ich Gott bin. (Psalm 46, 11) Über 2000 Jahre alt ist dieser Psalm. Erst sinken Berge ins Meer, das Meer wallt und wütet, Gott zerbricht Waffen und Spieße. „Alarm“ rufen die Kämpfenden. „Seid stille“ spricht Gott.

 

So gehört zweifellos die Stille zu Gott, die Ruhe und das Schweigen. Stille ist ein stummer Lobgesang für Gott. Nicht in der lärmenden Gewalt ist Gott auszumachen. Liegt es womöglich am heutigen Lärmpegel, an den wir uns gewöhnt haben, dass Gott so oft zu schweigen scheint? Gibt es sie noch, die stillen Orte? Natürlich gibt es noch das stille Örtchen, aber den lautlosen, schweigenden Ort?

 

Manche können das ja, inmitten des Lärms sich an einen solchen Ort zu versetzen. In einem Blick an die Decke. In einem Gedanken. Im geistigen Aufrufen eines stillen Ortes in der Vergangenheit. Seid stille und erkennt, dass ich Gott bin. Das bedeutet ja zuerst selbst stille zu sein, um Gott zu erwarten und zu erkennen. Mitten im Trubel still zu werden, dass die Gedanken sich ordnen, Wege sich auftun, Erkenntnis geschieht und wir einander hören. Und alles, was wir dann atmeten, flüsterten, murmelten, würde nicht als unser eigenes Echo zu uns zurückkommen, sondern als Stimme Gottes, der zu uns spricht und sich an uns verschenkt.

 

Noch mal Rilke:

 

„Wenn es nur einmal so ganz stille wäre…

dann könnte ich in einem tausendfachen

Gedanken bis an deinen Rand dich denken …

um dich an alles Leben zu verschenken.“

 

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