Meine Seele ist stille

Wort zum Tage

Die Bergwanderung ist abgesagt, die Ausrüstung für den Tauchurlaub bleibt im Schrank, Rettungsweste und Seglerhose für den nächsten Segeltrip sind zurück an den Haken gehängt.

 

Stattdessen geht es für eine Woche ins Kloster.

 

Der Klostergarten ist durch hohe Hecken umschlossen, der Himmel strahlt blau, das Gras duftet. Die Sonne scheint mir ins Gesicht. Wie ruhig es hier ist! Nur das Zwitschern der Vögel ist zu hören – und das entfernte Brummen eines Rasenmähers.

 

Drinnen in der Kapelle hinter den dicken Mauern ist es kühl und so still, dass ich manchmal denke, dass vom Flackern der Kerzen schon ein Geräusch ausginge.

 

Stille und ganz viel Zeit.

 

Auch für die Sätze, die ich hier lese. Sie stammen von dem großen Zisterzienser Bernhard von Clairvaux. Der sagt:

 

Du musst nicht über die Meere reisen, musst keine Wolken durchstoßen und nicht die Alpen überqueren. Der Weg, der dir gezeigt wird, ist nicht weit, du musst deinem Gott nur bis zu dir selbst entgegen gehen. Denn das Wort ist dir nahe. Es ist in deinem Mund und in deinem Herzen.

 

Ich muss den Sturm auf dem Berggipfel gar nicht suchen, nicht die hohen Wellen durchpflügen. Sie sind hier in mir drin: Die Wellen und der Sturm. Ich decke sie meist mit meinem Alltag zu, aber hier in der Stille merke ich, wie unruhig und laut es in mir ist.

 

Kann ich das aushalten? Habe ich den Mut mich mir selbst zu stellen?

 

Die Traurigkeit, ich hatte sie schon fast vergessen, aber sie übermannt mich wieder.

 

Der Wut, die ich so gerne verdränge: doch sie brodelt in mir.

 

Die unerfüllten Träume, sie sind da und wollen etwas von mir, wollen mich vielleicht verändern.

 

Wo finde ich Halt in all diesem Chaos?

 

Ich schaue auf das Bild vor mir, vom flackernden Schein der Kerzen erleuchtet. Christus, wie er den Kopf neigt, erschöpft und doch friedlich.

 

Mitten im Tosen meiner eigenen Gefühle werde ich ruhig, denn ich sehe: Einer ist den Weg vor mir gegangen, durch alle Stürme hindurch; und er weiß, welcher Weg ins Licht führt.

 

Ja, die Worte des Psalmbeters sind mir jetzt nahe, sind in meinem Mund und in meinem Herzen:

Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. Denn er ist mein Fels, meine Hilfe, mein Schutz, dass ich gewiss nicht fallen werde. [Psalm 62,2-3]

 

Aus dieser Stille erwächst die Kraft, meinen Weg zu gehen.

 

Ich denke an die Gipfel der Berge, das Wogen der Wellen in mir und kann plötzlich spüren: Es ist alles da, in mir drin, alles, was ich brauche. Wie sagte Bernhard von Clairvaux noch mal: Der Weg, der dir gezeigt wird, ist nicht weit, du musst deinem Gott nur bis zu dir selbst entgegen gehen.

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