Platzhalter

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Beim Durchsuchen des Schrankes fällt sie mir plötzlich entgegen: Meine Serviettentasche aus Kindertagen. Mit bunter Borte an den Rändern, auf der Vorderseite eine gestickte Mädchenfigur mit Zöpfen in Südtiroler Tracht. Ein Andenken an schöne Sommerurlaube. Eine Erinnerung an die Kinderzeit, an mein Elternhaus. Viele Jahre lang lag diese Serviettentasche an meinem Platz zuhause am Familientisch. Zu jeder Mahlzeit wurde sie benutzt. Sie stammt aus Zeiten, als es noch Stoffservietten gab, die gewaschen und gebügelt werden mussten. Und das zuhause im normalen Familienbetrieb. Heute steht eine Haushaltsrolle griffbereit auf dem Familientisch. Das ist praktisch und erfüllt auch seinen Zweck. Mehr aber auch nicht. Anders diese bestickte Serviettentasche. Denn sie war mehr als nur ein bloßer Aufbewahrungsort für ein Stück Stoff. Sie war ein Platzhalter. Da, wo sie lag, war mein Platz. Sie hielt ihn frei für mich und zeigte an, dass ich erwartet wurde, dass Platz für mich war: morgens, mittags und abends. Und das ist ein schönes Gefühl.

 

Heute werden kaum Plätze für einen frei gehalten. Um die meisten muss man kämpfen. Das fängt bereits auf dem Weg zur Arbeit an: Wenn die Bahn voll ist und die Plätze am Ganz zuallererst belegt, so dass man fast springen muss, um zum freien am Fenster zu gelangen. Die wenigsten trauen sich das. Und bleiben lieber die paar Stationen stehen. Manchmal steht auch einfach nur die Tasche auf dem Nebensitz. Dabei könnte man sie auch einfach auf den Schoß nehmen, um Platz zu schaffen. Doch man stellt sie lieber neben sich. Ein sichtbares Bollwerk und Zeichen: Komm mir bitte nicht zu nahe – denn das hier ist mein Platz!

 

Vielleicht ist es an der Zeit, ein Stück Willkommenskultur in unserem Alltag zu etablieren. Es muss ja nicht die Serviettentasche sein oder ein Namensschild auf jedem Sitzplatz. Es genügt schon ein freundliches beiseite Rücken, ein kurzer Blickkontakt mit dem, der neben mir Platz nimmt. Ein höfliches: Bitte gerne anstatt eines mürrischen Gesichtsausdruckes. Eine kleine Geste, die dem anderen aber vermittelt: Einverstanden, dass Du da bist! Hier ist noch Platz für Dich. Vielleicht nehmen wir den Faden dann auf und spinnen ihn weiter: am Arbeitsplatz, wo man dem kranken Kollegen einen kurzen Gruß schickt als ein Zeichen, dass er fehlt. Und Zuhause, indem man endlich wieder einmal gemeinsam isst und erst dann beginnt, wenn alle da sind.

Weil unsere Welt kein Kampfplatz ist. Und jedes Kind Gottes seinen Platz auf ihr hat.

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