Quereinstieg ins Pfarramt

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„Vielleicht fange ich doch noch mal an zu studieren“. „Ja, das habe ich auch schon überlegt.“ Ein bisschen neidisch höre ich den beiden jungen Frauen zu, die im Zug neben mir sitzen. Die beiden sind geschätzt Anfang zwanzig. Solche Sätze könnte ich nicht mehr sagen. Mit Mitte vierzig ist es definitiv zu spät dafür. Alles noch einmal auf Anfang, das geht wohl kaum. Ich bin verantwortlich für meine Familie. Monat für Monat muss das Geld reinkommen. Außerdem habe ich es doch gut, denn ich habe ja schließlich studiert, auch wenn das schon lange her ist. Und meine Arbeit macht mir viel Freude.

 

Aber manchmal denke ich schon: Soll das nun immer so weitergehen? Oder kommt noch einmal etwas Neues? Diese mittleren Jahre sind eine Herausforderung, finde ich. Der eine oder andere Zug ist abgefahren. Da kann ich mir nichts vormachen. Aber bloß traurig den Rücklichtern hinterher sehen, dazu habe ich auch keine Lust. Ich bin nicht die einzige, der es so geht. Viele Menschen entdecken nach einer ersten Ausbildung oder einem Studium und einigen Jahren der Berufstätigkeit sogar, dass sie eigentlich etwas ganz anderes machen möchten.

 

In der evangelischen Kirche gibt es seit einigen Jahren einen regelrechten run auf die Möglichkeiten, berufsbegleitend noch einmal Theologie zu studieren, um Pfarrerin oder Pfarrer werden zu können. Verschiedene Universitäten haben dazu neue Programme entwickelt. Auch die Ausbildung von ehrenamtlich Predigenden ist stark nachgefragt. In den kommenden Jahren wird die evangelische Kirche all diese Menschen dringend brauchen. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass nicht genug junge Leute Theologie studieren, um alle freiwerdenden Pfarrstellen zu besetzen.

 

Was bei uns in Deutschland noch die Ausnahme ist, gibt es anderswo schon lange. In England ist es ganz normal, nach einer ersten beruflichen Phase Theologin oder Theologe zu werden. Man spricht ganz selbstverständlich vom „call“, dem Ruf oder der Berufung, die man gespürt habe. Das Oberhaupt der anglikanischen Kirche, Erzbischof Justin Welby, war beispielsweise in seinem „ersten Leben“ Manager in der Ölindustrie.

 

Ich selbst habe auch mit der Ausbildung ehrenamtlich Predigender zu tun. Es ist bewegend für mich zu sehen, dass es auch bei uns Menschen gibt, die freimütig von ihrer Berufung sprechen. Sie investieren viel Zeit und Geld, um noch einmal ganz neu anzufangen. Das beeindruckt mich. Niemand muss dann traurig den Rücklichtern abgefahrener Züge hinterher schauen. Und die Kirche wird vielfältiger durch solche Menschen.

 

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