Riesenrad

Wort zum Tage

Ich gebe zu, ich hatte Angst. Und deswegen habe ich allen Mitfahrern vorher hoch und heilig das Versprechen abgenommen, während der Fahrt die Gondel nicht zu drehen. Dann bin ich doch in das Riesenrad eingestiegen. Unübersehbar ragt es in diesem Sommer über die Dächer Wittenbergs. Es ist Teil der Weltausstellung der Reformation. Wenn man so will, ist diese Ausstellung so eine Art Jahrmarkt der evangelischen Kirche zum Reformationsjubiläum. Wir zeigen, was wir als Kirche alles machen und anbieten. Riesenrad fahren gehört eigentlich nicht unbedingt dazu.

Als ich dann eingestiegen war und das Rad sich in Bewegung setzte, habe ich einfach aufgehört, nach unten zu schauen. Auch die Konstruktion des Rades habe ich nicht länger ängstlich betrachtet und nach möglicherweise verrosteten Nieten gesucht. Ganz entspannt war ich noch nicht, aber Ich habe den Blick schweifen lassen und die Aussicht über meine Stadt aus einer ganz besonderen Perspektive genossen. Bis weit über die Elbe kann man vom höchsten Punkt des Riesenrads sehen.

Als ich wieder glücklich unten war, bin ich noch in den Pavillon gleich neben dem Riesenrad gegangen. „Zwischen Himmel und Erde“ lautet dort das Motto. Das Riesenrad hat die Seelsorge in der evangelischen Kirche für diesen Sommer gemietet. Im Pavillon warten während der Öffnungszeiten Menschen, die Gespräche und Beratung anbieten. Sie würden auch eine Runde in einer Gondel mitfahren, denn dort ist man ja ganz ungestört.

Und dann bemerkt man vielleicht ganz nebenbei, dass ein Gespräch mit einem Seelsorger oder einer Seelsorgerin so ähnlich sein kann wie eine Fahrt mit dem Riesenrad. Es kostet erst ein bisschen Überwindung. Aber dann hört man auf immer nur nach unten zu schauen und die rostigen und wackeligen Stellen im eigenen Leben zu suchen. Der Blick wird weiter, man gewinnt eine neue Sicht auf viele Dinge „zwischen Himmel und Erde“ und entwickelt sogar ungeahnte Perspektiven.

Ein bisschen Himmel auf die Erde holen, das wollen die Seelsorgerinnen und Seelsorger. Ich finde, mit dem Riesenrad haben sie ein schönes Beispiel dafür gefunden, was Seelsorge sein kann. Einen Menschen auf einer oder auch auf mehreren Runden seines Lebens begleiten, zuhören, dasein. Aber ihn dann auch wieder aussteigen lassen. Damit er oder sie merkt: Auch wenn mir die Knie ein bisschen wackeln, ich selbst kann die Dinge ganz anders sehen. Und es geht weiter.

Die Fahrt mit dem Seelsorge-Riesenrad ist übrigens sogar im Eintrittspreis der Weltausstellung in Wittenberg enthalten. Zwischen Himmel und Erde, so oft Sie wollen. Ich traue mich übrigens inzwischen sogar, während der Fahrt zu drehen.

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21.07.2017 06:20