Sich gehen lassen geht nicht

Wort zum Tage

Zwei alte Herren schlurfen über den Flur. Sie kommen aus dem Lift und wollen zu einem Vortrag im großen Saal. Der eine geht schwer, aber aufrecht. Der andere geht schlecht, muss sich bei seinem Nachbarn aufstützen. So gehen sie den Gang entlang. Jeder Schritt eine Leistung. Sie sind fein gekleidet. Über Hemd und Krawatte noch ein Pullover, darüber ein Jackett. Die Haare mit strengem Scheitel. Sich gehen lassen geht nicht. Man muss etwas aus sich machen, auch wenn niemand hinsieht. Bald erreichen sie die Tür zum Saal. Andere sind schon da. Sie schlurfen Richtung Tür. Schwer liegt die Hand des einen auf der Schulter des andern. Als sie durch die Tür gehen und der Aufrechte beinahe ausrutscht, sagt er: „Du könntest Dir doch endlich mal ein Stock kaufen!“ Der andere lacht und sagt: „Ich brauche keinen Stock; ich hab doch Dich!“

 

Schön gesagt. Fast christlich. Einer trage des andern Last, so schlurfen sie durch die Gänge. Mehr oder weniger aufrecht. Einer ist für den andern da. So soll es sein. Sollte es sein. Wenn da nicht ein Problem wäre. Er könnte ja auch alleine, der eine alte Herr. Wenn er nur wollte. Er müsste sich einen Stock kaufen. Oder leihen von der Heimleitung. Aber nein: Er verlässt sich einfach. Er legt seine Last auf den andern. Der ist ja da. Der hilft. Der will aber vielleicht gar nicht. Oder nicht immer. Er trägt selber nicht leicht an sich und soll noch des andern Last mittragen. So ist das nicht gemeint: Einer trage des andern Last. Man soll da nicht faul werden mit sich; nicht nachlässig sein oder zu stolz. Man soll sich nicht verlassen, wenn man noch selbst könnte. Es ist ein schmaler Grat zwischen Brauchen und Ausnutzen. Bequemlichkeit ist keine Ausrede.

 

„Ich brauche keinen Stock, ich hab doch dich…“ klingt wie eine Ausrede. Wie Bequemlichkeit am falschen Platz. Man soll aber niemandem auferlegen, wozu man selber keine Lust hat. Das ist nicht mehr christlich. Der alte Herr ohne Stock braucht jetzt einen, der ihm beherzt einen Stock in die Hand drückt. Das ist nicht schön für ihn, aber nötig. Und zu dem Stock, der stützt, noch ein Satz, der ihm hilft: Man überlege genau, bevor man Lasten auf andere ablädt. Und frage sich, ob man sie nicht auch selber tragen kann.

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