Vom langsamen Ort

Wort zum Tage

Unterwegs in der Stadt. Berufsverkehr. Zwei Minuten Umsteigezeit. Gedränge. Die Erinnerungsfunktion des Kalenders poppt auf. Noch 15 Minuten. Und jetzt: wieviel Zeit brauche ich für 100 Meter Stadt?

 

Die Geschwindigkeit unserer Kultur ist sehr hoch, hat man herausgefunden. Deutschland landet im Vergleich ganz weit vorne. Wir sind hier schnell. Damit liegen wir im Trend. Das hört sich auch gut an: schnell und effizient von A nach B. Und wir sind gerade noch in der Aufwärmphase. Bald heißt es wahrscheinlich schon: Im Hyperloop die paar Kilometer von Hamburg nach Köln in einer halben Stunde.

 

Alles ist machbar, hört man und glaubt es oft sogar. Dass an schnellen Orten das Herzinfarktrisiko höher ist, der Konsum von Alkohol und Nikotin und paradoxer Weise sogar der Mangel an Bewegung größer, ist der Preis, den immer mehr Menschen zahlen. Es gibt nur noch wenige weiße Flecken und Flächen aus Zeit. Sehnsuchtsorte sind das mittlerweile für viele. Wir machen uns also auf den Weg.

 

Was einem unterwegs alles passieren kann! Stau, Verspätungen, Flugausfälle. Die Beantwortung der Frage Jesu am Ende des berühmten Gleichnisses vom Barmherzigen Samariter bemisst sich nachgewiesener Maßen an der zur Verfügung stehenden Zeit. …Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war?

 

Im so genannten Samariter Experiment, das 1973 mit Theologiestudenten durchgeführt wurde, haben die Forscher den Zusammenhang von zur Verfügung stehender Zeit und entgegen gebrachter Barmherzigkeit nachgewiesen. Studierende der Theologie wurden zu einem Vortrag über einen Hof geschickt, in dem zufällig ein Mann auf dem Boden lag. Ergebnis: Je mehr die Studenten unter Zeitdruck zur Vorlesung gehetzt wurden, desto geringer war ihre Bereitschaft, dem Mann zu helfen. Die zukünftigen Pfarrer und Theologen gingen also einfach an ihm vorüber, wenn sie schnell sein mussten und wenig Zeit hatten.

 

Der Samariter aber, der auf Reisen war, kam dahin und als er ihn sah, jammerte es ihn und er ging zu ihm. Weil er Zeit hatte? Offensichtlich!

 

Die Sehnsucht nach den weißen Flecken aus Zeit ist zugleich eine Sehnsucht nach mehr Offenheit, Ruhe und Aufmerksamkeit für die Welt, die uns umgibt. Durch die wir aber meist so durchhuschen und hetzen! Vielleicht sehnen sich manche sogar nach mehr Aufmerksamkeit für den Anderen, auch für den fremden Anderen. Zeit haben füreinander und miteinander Zeit haben: Für Fragen, die lange Antworten lieben. Für ein Schweigen, das die richtige Frage gebiert. Für das Ruhen, das die Schöpfung lobt. Heute. Irgendwo zwischen A und B.

 

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