Das Wort zum Sonntag

Pfarrer Dr. Wolfgang Beck

Beeindruckende Kultur, musikalische Höchstleistung, der Stolz einer ganzen Region. Und dann hinter der glanzvollen Fassade für mehr als 500 Jungen, die zu Opfern wurden, die Hölle. Und beides gehört zu den Regensburger Domspatzen. Die Täter waren Priester, Lehrer und Erzieher. Mit Hilfe des unabhängigen Rechtsanwalts Ulrich Weber konnte die Geschichte dokumentiert und mit dem Bericht in dieser Woche schonungslos ans Licht gebracht werden. Die über 400 Seiten des Berichtes dokumentieren: Maßlos brutale Bestrafungen für Kleinigkeiten, für normales kindliches Verhalten. Sexuelle Übergriffe und Machtmissbräuche. Selbst in Messfeiern erlebten Kinder Brutalität. Da wird eine Härte und Erbarmungslosigkeit kirchlicher Erziehung dokumentiert, die in Kommentaren der letzten Tage als „Blick in die Hölle“ bezeichnet wurde. Und wieder einmal muss ich sowohl im Blick auf die Taten, auf die Schicksale der Opfer, wie auch im Blick auf das träge Verhalten der Verantwortlichen bei der Aufklärung sagen: Mir fehlen die Worte! Ich bin als Mitbürger entsetzt! Und ich bin als Priester zutiefst beschämt!

Wer nach solchen Kindheitserfahrungen mit der Kirche nichts mehr zu tun haben will, hat mein volles Verständnis. Der lange Weg der Aufarbeitung zeigt auch, wie mühsam das Lernen bei den Verantwortlichen ist. Es wird anscheinend immer nur so viel aufgeklärt, wie wirklich unumgänglich ist. Zu sehr haben sich gerade in katholischen Kreisen Vorstellungen entwickelt, man würde der Kirche und damit dem christlichen Glauben, ja sogar der Botschaft der Bibel schaden, wenn Probleme offen beim Namen genannt werden. Allzu gerne werden bis heute Ablenkmanöver akzeptiert, bei denen es heißt: es sei eben eine Zeit gewesen, in der Schläge überall zur Erziehung gehörten. Die Täter seien eben Einzelfälle. Oder es habe doch auch bei nichtkirchlichen Einrichtungen und Parteien Pädophilie und Gewalt gegeben. Um es klar zu sagen: Das sind die üblichen Ausflüchte, um die Dramatik abzuschwächen.

Nein, die vielen Fälle sexuellen Missbrauchs durch Priester, Erzieher und andere Personen machen immer wieder klar: Es gibt in der katholischen Kirche Strukturen, die solches Leid und den Schutz von Tätern begünstigen! Dazu gehört die große Intransparenz von Entscheidungsabläufen und bei der Vergabe von Ämtern. Dazu gehört die Machtfülle von Bischöfen und hohen Klerikern ohne wirksame neutrale Kontrolle. Dazu gehören Verklemmtheit und Verlogenheit im Umgang mit Fragen des Körpers und der Sexualität. Dazu gehört auch die theologische Rede von einer heiligen Kirche mit einem abgehobenen Verständnis von Kultur und Liturgie. All dies bildet eine Mischung, in der Menschen sich dreimal überlegen, ob sie durch das Melden von Übergriffen oder durch die Kritik an Vorgesetzten auffallen wollen. Sie können nämlich sicher sein, dass das für sie selbst nachteilig sein wird. Solch ein Gemenge lässt sich wohl nur austrocknen, wenn es unabhängige Instanzen gibt, die nicht nur den Umgang mit Kindern, sondern alle Amtsstrukturen durchleuchten. In den letzten Jahren ist in der katholischen Kirche bereits viel Aufwand betrieben worden, um Prävention vor Gewalt und die Aufklärung bei entsprechenden Anzeichen zu ermöglichen. Und finanzielle Unterstützung für die Opfer ist mittlerweile auch üblich.

Die Regensburger Domspatzen und die vielen Opfer in ihren Reihen machen aber deutlich, dass es mehr braucht: Es braucht die Bereitschaft von Bischöfen, die Strukturen klerikaler Macht und kirchlicher Intransparenz nachhaltig zu durchleuchten. Für diese Bereitschaft braucht es den Druck von Mitbürgern, braucht es die kritische und häufig als störend empfundene Öffentlichkeit. Gerade deshalb: Helfen Sie mit, dass dieser Druck nicht nachlässt!

 

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