Echtes Erleben

Pfarrer i.R. Alfred Buß

Das Wort zum Sonntag: 07.10.2017

Sprecher: Alfred Buß, Unna

Thema: Etwas Echtes erleben

Dieser Tage habe ich Erntedank gefeiert. Mit Kindern. Auf dem Acker.

„Kleine Ackerdemiker“ werden sie genannt, weil sie ihr Gemüse selber anbauen. Im 3. und 4. Schuljahr der Grundschule. Ein Junge sagte: „Ich hätte nie gedacht, dass unser Gemüse so groß wird wie das aus dem Supermarkt.“

Tja, viele Kinder haben noch nie gesehen, wo und wie Kartoffeln und Gemüse wachsen - geschweige denn, selber eine Pflanze gesetzt. Ein Mädchen kannte zwar Tomaten, aber nur von der Pizza.

Nicht nur Kinder erleben es so. Auch Erwachsene. Das Echte verblasst immer mehr. Wir kaufen ein und haben keine Ahnung, was da wirklich drin ist: Ein Becher Erdbeerjoghurt lässt sich spielend herstellen mit nur einer halben Erdbeere:

Man nehme dazu einen Schuss Farbstoff für die Optik, ausreichend Zucker für das Süße und Cremige und gebe zwei Tropfen Erdbeeraroma hinzu - und schon schmeckt es, als ob es ein Joghurt mit Erdbeeren wäre. Als ob. Täuschend echt eben. Und schlichte Realität in der hiesigen Lebensmittelindustrie. Täuschend echt, wie so vieles im Alltagserleben: Gefälschte Arzneimittel, unsaubere Abgaswerte, frei erfundene Nachrichten – immer nur „Als ob“.

Wenn aber ein Mensch nicht mehr weiß, was echt ist und was Täuschung, verliert er den Bezug zum wirklichen Leben. So spüren wir’s derzeit. Allüberall.

Deshalb war ich richtig froh, als ich jetzt die „Kleinen Ackerdemiker“ traf.

Im Februar/März haben sie im Unterricht viel übers Säen und Pflanzen gelernt. Und dann den Acker bestellt. Und im Laufe des Sommers erfahren, wie viel eingehende Pflege Gemüse braucht.

Manche entpuppten sich draußen als wahre Ackerprofis, die noch im Klassenzimmer als „Schwächere“ galten.

Und alle erfuhren ganz nebenbei: Wie lebt eigentlich ein Regenwurm, und was macht er da in der Erde? Ja, sie bekamen sogar eine Vorstellung davon, wie es einem Tomatenbauer in Spanien zumute sein könnte.

Jetzt, im Herbst, ernten die etwa Neunjährigen ihre Früchte. Doch ist ihnen auch wichtig, was damit geschieht: Da ist nix mit Lebensmittel wegwerfen, wie hierzulande üblich. Alles verarbeiten und vermarkten! Dabei auch die Preise festlegen. Der Bäcker nebenan verkauft neuerdings auch Gemüse. Das der Kinder. Und freut sich über mehr Kundschaft.

Und die Initiatoren vom gemeinnützigen Verein „Ackerdemia“ leiteten nicht nur diese Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und Kinder an.

Sie sind überall unterwegs im deutschsprachigen Raum mit der Vision, dass echtes Ackern Wirklichkeit wird, allerorten an Kindergärten und Schulen.

Wenn ein Mensch unterscheiden kann, was echt ist und was täuscht, kommt ihm auch wieder nah, was das Leben trägt. Und wer.

So feierten wir mit den Kindern Erntedank.

Und hörten den alten Psalm vor dem Hintergrund ihrer Acker-Erfahrungen:

„Herr, wie sind deine Werke so groß und viel.

Du hast sie alle weise geordnet.

Und die Erde ist voll deiner Güter.“

Das war echtes Erleben.

Suchen auch Sie das Echte! Dazu einen gesegneten Sonntag.

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