Harte Zeiten

Pastorin Annette Behnken

Wenn ich Sie jetzt frage, was Sie an einem beliebigen Tag vor, sagen wir, 10 oder 15 Jahren gemacht haben, werden Sie sich wahrscheinlich nicht daran erinnern. Aber Sie kennen auch diese Ereignisse, bei denen man noch genau weiß, was man damals gemacht hat. Schicksalstage. Der kommende Montag, übermorgen, ist so ein Tag. Da ist es 16 Jahre her, dass die Welt, in der wir lebten, zusammenbrach. Und viele wissen noch genau, was sie gemacht haben. Eingekauft, Kaffee gekocht, telefoniert - irgendwas Banales, Alltägliches, als wir hörten, dass Terroristen in New York zwei Flugzeuge in die Türme des world trade center steuerten und etwa 3000 Menschen ums Leben kamen. Der 11. September 2001. Nach diesem Tag war alles anders. Heute ist 9/11 längst zum Symbol geworden. Zum Symbol unserer Verwundbarkeit. Die brennenden Türme, die Asche auf den Straßen und auf den Gesichtern der Menschen - das sind Bilder, die sofort wieder da sind, eine Wunde, die sofort wieder aufreißt, wenn irgendwo in der Welt ein Anschlag passiert. Seitdem sitzt uns die Angst im Nacken. Viele fühlen sich nicht mehr sicher, wenn sie reisen, sich in großen Menschenmengen oder an öffentlichen Plätzen aufhalten. Und wir erleben gerade, wie gut man mit Angst Politik machen kann. Nur - keine gute Politik. Aus Angst sind wir schnell bereit, uns abzuschotten. Also: Grenzen dichtmachen, Zäune und Mauern hochziehen. An den Grenzen von Ländern. Aber auch an den Rändern der Gesellschaft. Und - das geht wohl damit einher - um unsere Herzen. Wir müssen uns vor Gefahren schützen, das ist das eine. Aber wir dürfen uns nicht abschotten. Wir haben ja die Wahl. Sich abschotten gegen all das, was sich jenseits all unserer Schutzwälle befindet und was uns möglicherweise erschüttern könnte. Wenn wir das tun, steht unsere Menschlichkeit auf dem Spiel. Denn genau das macht uns Menschen ja menschlich: dass wir erschütterbar sind. Mir machen in diesen Tagen vor allem Populisten und Despoten Angst, die pöbeln, provozieren und atomar ihre Muskeln spielen lassen. Davor würde ich mich am liebsten schützen, mich verkriechen und nix mehr mitkriegen. Aber das kann‘s ja nicht sein, mich innerlich von der Welt jenseits meines Tellerrandes zu verabschieden! Nein. Ich möchte, dass wir erschütterbar bleiben. Dass wir das sind, ist ein Geschenk. Ein göttliches Geschenk. Der Gott der Bibel ist ein Gott, der sich erschüttern lässt. Und uns hat er nach seinem Bild geschaffen. Als erschütterbare Wesen. Die mitfühlen können. Die etwas bis ins Mark treffen kann. Ich glaube, wir können nicht gut leben ohne solche Erschütterbarkeit. Das hat was mit Leidenschaft zu tun. Leidenschaft fürs Leben. Wer leidenschaftlich lebt, riskiert, dass er bis ins Mark getroffen, bis in die Herzfasern erschüttert werden kann. Das kann wehtun. Aber vor allem macht es das Leben intensiv, diese Liebe zum Leben, zu seiner Schönheit, zu seiner Vielfalt, auch zu seiner Verletzlichkeit. Und: Erschütterbarkeit ist eine hochpolitische Haltung. Daraus entsteht Einsatz. Sich einmischen in die Welt. Und das brauchen wir! Denn im Grunde geht es ja um die Frage, von was wir uns beherrschen und von wem wir uns regieren lassen wollen. Wieviel Macht geben wir der Angst? Und wie schaffen wir es, menschlich zu bleiben? Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht.

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