"Hier stehe ich..."

Pastor Christian Rommert

Das Wort zum Sonntag: 29.07.2017

Sprecher: Pastor Christian Rommert, Bochum

Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer,

 

bis vor kurzem war ich noch nie in Wittenberg! Und das als Pastor! Und das, obwohl ich in Eisenach aufgewachsen bin. Dort habe ich sogar eine Zeit lang die gleiche Schule besucht wie Martin Luther. Und auf der Wartburg – bei Eisenach – da haben meine Frau und ich geheiratet. Also genau dort, wo Luther die Bibel übersetzt hat. Aber in Wittenberg, der Stadt, die den Lauf der Weltgeschichte verändern sollte, da war ich noch nie.

 

Vor ein paar Tagen bin ich dann endlich dorthin gefahren. Ich habe die interessante Weltausstellung besucht – wie Tausende mit mir. Und ich bin in die Schlosskirche mit der berühmten Tür und den 95 Thesen gegangen – wie Millionen vor mir. Alles sehr interessant für mich als Luther-Pilger. Was mich dann aber am längsten beschäftigt hat, das ist ein roter Würfel, der auf dem Marktplatz steht. Man kann sich darauf stellen und sich von seinen Freunden fotografieren lassen. Das Besondere an diesem Würfel ist die Aufschrift: „Hier stehe ich und kann nicht anders.“ Ich habe eine Zeitlang vor dem Würfel gestanden und mir überlegt, ob ich mich fotografieren lassen soll. Aber mich hat der Satz gestört. Das klingt mir zu vollmundig: „Hier steh ich! Ich kann nicht anders!“ Schaut mich an! Hätte Luther sich da wirklich drauf gestellt und ein Foto von sich gemacht? Auch er war ja nicht immer so selbstsicher, wie in diesem Zitat, das die Nachwelt da von ihm überliefert hat.

 

Als Mönch hat er sich lange gequält. Seine Angst war, nicht gut genug zu sein. Diese Angst, die kann ich gut verstehen. Das Gefühl nicht zu genügen. Das kenne ich. Das spüre ich an allen Fronten: du sollst schlank sein, erfolgreich sein, ausgeglichen sein, achtsamer leben, effizienter arbeiten. Es ist nicht die Angst vor dem zürnenden Gott... Der Richter über mich bin ich heutzutage selbst. Es sind die Ansprüche der work-life-balanzierten Ironman-, Body-Mass-Index-, Effizienz-Prediger. Ich esse Dinge, die ungesund sind und ich liege lieber in der Badewanne, als dass ich Marathon laufe. Es gelingt mir auch nicht, zu 100 Prozent fairgehandelt zu leben oder immer gelassen zu bleiben. Genügt es trotzdem, wenn ich so lebe? Martin Luther hatte hier in Wittenberg sein Aha-Erlebnis, als er merkte: „Allein aus Gnade werde ich gerecht!“ Gott nimmt mich an, ohne, dass ich etwas dafür tun kann und tun muss. Du bist okay vor Gott.

 

Du genügst vielleicht nicht Deinem Umfeld. Du genügst vielleicht nicht einmal Dir selber. Aber: Du genügst ihm! Für mich ist das das Beste, was mir passieren kann – wenn mir jemand sagt: Ich weiß, dass Dein Leben manchmal ungenügend ist. Aber ich liebe Dich! Mich berührt das. 500 Jahre nach Luther. 2000 Jahre nach Jesus. Als Christ ist das für mich das Tröstliche meines Glaubens: Ich bin akzeptiert, obwohl ich nicht genüge! Wenn ich jetzt an den Würfel denke – vielleicht hätte ich mich doch darauf stellen sollen. Aber ich hätte den Spruch gern etwas verändert: Hier steh ich – ein ungenügender Mensch. Nicht selbstsicher - aber von Gott angenommen.

 

 

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