Kirchlicher Rückzug aus der Gesellschaft?

Pfarrer Dr. Wolfgang Beck

„Naja, auf mich wird’s nicht ankommen“, das denken vermutlich manche, wenn sie in ihrem Leben Entscheidungen treffen. Klar weiß ich, dass Umweltschutz wichtig ist. Aber deshalb nicht mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen oder keinen großen Geländewagen fahren? Klar weiß ich, dass die Arbeitsbedingungen im Pflegeheim unterirdisch sind. Aber deshalb nicht für die Großmutter nur nach dem günstigsten Angebot suchen? Klar weiß ich, dass es hilfreich ist, wenn mir beim nächsten Unwetter jemand mit dem gefluteten Keller hilft. Aber deshalb selbst bei der Freiwilligen Feuerwehr mitmachen? Zweifel am eigenen Handeln lassen sich meist schnell vom Tisch wischen. Zu festgefahren sind offenbar die Standards für eine bürgerliche Lebensgestaltung, als dass Menschen wirklich etwas in ihrem Leben ändern würden. Es ist ziemlich anspruchsvoll, sich immer wieder den Konsequenzen der alltäglichen Entscheidungen zu stellen.

Ein anschauliches Beispiel dafür ereignet sich gerade im kirchlichen Bereich. Der Aufschrei darüber, dass die katholische Kirche in Hamburg acht Schulen schließt, ist groß. Aber warum? Die Zahlen zu den Kirchenaustritten erreichen uns doch jedes Jahr aufs Neue. Der demographische Wandel zeigt sich in den Kirchen besonders massiv und das Schimpfen über die Kirchensteuer gehört selbst unter Kirchenmitgliedern zur Normalität. Natürlich, es gibt auch durchaus nachvollziehbare Gründe, mit der Kirche nichts mehr zu tun haben zu wollen. Aber es wäre halt ausgesprochen naiv davon auszugehen, dass all das ohne Folgen bleiben könnte.

Schon vor Jahren mussten in mehreren deutschen Großstädten kirchliche Altenheime der Caritas aufgegeben werden, weil sie im bestehenden System nur mit Billiglöhnen hätten bestehen können. Das ist die direkte Quittung, wenn vorher viele Menschen nicht über die Folgen ihrer Entscheidungen nachdenken. Ganz klar, es gehört zu unseren gesellschaftlichen Entwicklungen, dass die Bedeutung der Kirchen abnimmt. Das ist eigentlich logisch, wenn es immer weniger Christen gibt. Und es ist auch nicht schlimm, wenn damit überholte Privilegien fallen. Doch sollte niemand meinen, dass dieser Prozess ohne harte Entscheidungen und ohne schmerzhafte Einschnitte abläuft. Deshalb ist aber gerade von Verantwortlichen in der Kirche zu erwarten, dass sie diesen Prozess offen gestalten. Sie können die Verantwortung dafür nicht einfach auf Wirtschaftsberater abschieben. Ihre Entscheidungen betreffen eben nicht nur die Kirchenmitglieder, deren Kirche nicht mehr renoviert werden kann oder bei denen das Gemeindeleben nun ehrenamtlich organisiert werden soll. Die Einschnitte betreffen eben schon die ganze Gesellschaft. Diese gesellschaftliche Rolle und die Orientierung an der Praxis Jesu erfordern es, dass die harten Entscheidungen vor allem an sozialen Überlegungen auszurichten sind. Vielleicht ist es dann sogar sinnvoll mehr Einrichtungen zu schließen, um dadurch im sozialen Brennpunkt bleiben zu können oder ein soziales Angebot fortzusetzen, das sonst niemand übernehmen würde.

Die Präsenz der Kirchen im Bildungssystem, im Gesundheitswesen oder im kulturellen Bereich wird in den nächsten Jahren sicherlich massiv abnehmen. Das ist ein Prozess, den man aber nicht mit bloßem Abschmelzen vergleichen sollte. Das hieße, dass man ihn gar nicht gestalten könnte. Stattdessen handelt es sich um eine Vielzahl von Entscheidungen – und die sind nie alternativlos! Um die Überlegungen, welche Schwerpunkte dabei gesetzt werden und welche sozialen Kriterien bei Schließungen gelten sollen, drücken sich die Verantwortlichen bislang meist herum. Sich diesen Überlegungen zu stellen ist überfällig, weil meist auch das Drücken vor Entscheidungen große Folgen hat. Das gilt für meine privaten Entscheidungen genauso, wie für die großen gemeinsamen. Einen guten Sonntag!

 

 

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