Suchet der EU Bestes!

Pfarrer Dr. Wolfgang Beck
"Die EU ist das erfolgreichste Friedensprojekt auf einem Kontinent mit einer so unfassbaren Kriegsgeschichte."

GEP/LP

Welche Krümmung darf eine Gurke haben? Das regelt die „Verordnung Nr. 1677/88 zur Festsetzung für Qualitätsnormen von Gurken“. Die Verordnung hat es zu Berühmtheit gebracht und galt Vielen als Inbegriff einer europäischen Bürokratie, die jedes Maß für ihre Zuständigkeit verloren hat. Die „Gurkenkrümmungsverordnung“ wurde zum Running Gag, zum Stoff für Kabarettisten.

Die Liste der Scherze, die in den zurückliegenden Jahrzehnten über die eigentümlichen Entscheidungen der EU gemacht wurden und noch immer gemacht werden, ist lang. Und wenn ich auf die horrend hohen Gehälter bei Brüsseler Beamten blicke, auf manche Verteilung von Subventionen oder auf die Abstimmungsprobleme bei der Verteilung von Flüchtlingen, dann kommen auch mir schon mal Zweifel: Besteht da bei allen Beteiligten an der Europapolitik wirklich der Wille zu gemeinsamen Lösungen? Und dass die EU es nicht schafft, die Flüchtlinge an den Mittelmeerküsten zu retten und zu versorgen, ist ein anhaltender Skandal.

Doch wenn in diesen Tagen die Austrittsverhandlungen mit der britischen Regierung beginnen, macht mich das auch einfach traurig. So eng sind doch die Geschichten unserer Länder und Kulturen miteinander verbunden, dass ein Zurück ziemlich verrückt erscheint.

Bei allem Kuriosen und manchmal auch Chaotischen, das der EU anhaftet, gibt es ein Argument, eine Stärke, die unverrückbar gilt und die gerade bei den Skeptikern, etwa in Polen und Ungarn, aber auch hier bei uns, in Erinnerung zu rufen ist: Die EU ist das erfolgreichste Friedensprojekt auf einem Kontinent mit einer so unfassbaren Kriegsgeschichte. Die längste jemals erreichte Friedensphase relativiert für mich wirklich alle anderen Krisensymptome und Kuriositäten.

In der Bibel heißt es bei dem Propheten Jeremia: „Sucht der Stadt Bestes!“ (Jer 29,7). Das schreibt er an Menschen, die in der Fremde zurechtkommen müssen. Sie haben Schlimmes hinter sich und haben allen Grund zur Klage und zum Lamentieren über ihr Schicksal. Aber dieser Prophet Jeremia hat offenbar klar, dass niemandem geholfen ist, wenn nur das Schlimme und das Ärgerliche im Blick ist. Da steht nicht: Tragt die Dinge zusammen, die euch am meisten nerven. Da steht auch nicht: Erinnert euch genüsslich an all das, was falsch gelaufen ist. Nein, solche problematischen Dinge, die wir alle detailliert auflisten könnten, brauchen kaum ein Erinnern. Denn die werden schon von allein immer wieder aufgetischt. Was dagegen schnell aus dem Blick gerät, sind die Dinge, die ganz gut laufen. Klar, das Gelingende wird eben schnell für eine Selbstverständlichkeit gehalten.

Ein Beispiel für die grandiosen Dinge, die es in der EU gibt, sind für mich die Möglichkeiten für Schülerinnen und Schüler, an Austauschprogrammen teilzunehmen. Im letzten Monat erst war meine dreizehnjährige Nichte für eine Woche in Paris und hat bei einer Gastfamilie gewohnt. Wenn das Geld der EU irgendwo sinnvoll angelegt ist, dann in solchen Austauschprogrammen für Schüler. Wer damit die wunderbaren Seiten der Europäischen Union kennenlernt und ganz nebenbei die Selbstverständlichkeit des Miteinanders, für den relativieren sich die ärgerlichen Probleme. Und ich würde mir wünschen, dass Jugendliche in allen Schulformen und aus allen Einkommensverhältnissen verstärkt solche Möglichkeiten hätten. Viel zu sehr gehören diese Angebote nur zur Welt einer bürgerlichen Mittelschicht. Und viel zu wenig rücken bei den Austauschprogrammen auch die östlichen EU-Nachbarn als Reiseziel in den Blick. Mit dem Propheten Jeremia ließe sich programmatisch sagen: „Sucht der EU Bestes!“ Vielleicht ist der nun eingeläutete Brexit ja ein Impuls, sich der Großartigkeit der EU klar zu werden. Und übrigens: Die EU-Verordnung zur einheitlichen Regelung der Gurkenkrümmung wurde schon vor ein paar Jahren wieder abgeschafft. In allem Verhandeln der EU gibt es auch ein Lernen. Einen guten Sonntag!

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