Vergebung

Pastorin Annette Behnken

Rache ist süß -  Den Goldfisch des Ex ins Klo kippen. Den Flokati gießen. Vogelfutter aufs Dach der Luxuslimousine streuen  – das sind die harmlosen Ideen – Rache ist süß – und macht erfinderisch:

Rache schreit nach mehr. Man wird nicht los, was einem angetan wurde. Im Gegenteil: Man landet in einer negativen Gedankenspirale. Und bindet sich so erst recht an die Tat und an den Täter. Das ist das Unheilige an der Rache.

180 Grad entgegengesetzt: diese Zitate der Bibel: Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Oder: Vergebt einander. Kein Gebot, sondern eine Lebensweisheit, so verstehe ich es. Inzwischen sogar von Ärzten und Psychotherapeuten entdeckt: die befreiende Kraft der Vergebung – damit greifen sie einen religiösen Begriff auf: Vergebung. Wirklich befreiend – und zwar so befreiend, wie kaum etwas anderes, ist letztlich nur Vergebung.

Aber oft so unglaublich schwer! Rache ist ein Notfallprogramm der Seele. Auch das weiß und beschreibt die Bibel. Die Seele will so den Schmerz und die Verletzung loswerden – bewirkt aber das Gegenteil. Kaum etwas kettet Menschen so sehr aneinander, wie Hass. Frei macht das nicht.

Anscheinend weiß mindestens einer das nicht, Donald Trump, der jetzt die Todesstrafe für den Täter von New York fordert. Dass die Tat juristisch geahndet werden muss, ist keine Frage. Aber Hass und Rache holen keinen ins Leben zurück. Der Blick muss auf die Angehörigen der Opfer gehen, damit sie wieder neu leben können. Trotz dieses unglaublich sinnlosen Verlustes.

Was heißt also Vergeben? Ich muss den, der mir was angetan hat nicht gern haben. Ich verurteile die Tat sehr wohl. Aber dem Täter vergeben heißt: diese Geschichte endlich loslassen zu können. Dass das nicht schnell und leicht geht – ja, das ist so. Das ist Friedensarbeit in der Seele.

Ein mich unglaublich berührendes und beeindruckendes Vorbild für das Vergeben ist der Künstler Jehuda Bakon. Er war als Kind in Auschwitz. Er hat überlebt, seine Familie nicht. Und ich könnte alles verstehen an Hass, an Verbitterung, an Vergeltungswünschen. Aber er sagt: "Ich wollte es ... nicht vergessen, aber nicht für ein Ziel der Rache ... benützen. Denn: Wenn ich jetzt hassen würde, dann hätte das Böse gewonnen." Er sagt, dass ihm im tiefsten Leiden etwas klargeworden sei: Es gibt einen Funken, einen göttlichen Funken in jedem von uns, und der ist unzerstörbar. Das zu sehen, das hat ihn aufrecht erhalten. Diesen Funken, sagt er, den hatten auch die KZ-Schergen.

Vergebung heißt nicht vergessen. Vergeben heißt frei in die Zukunft blicken können. Im Vater Unser, dem großen Gebet der Christenheit, heißt es: und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Mit Vergebung kann Leben neu werden.