Vision einer anderen Welt

Pastoralreferentin Lissy Eichert

Guten Abend.

In der Nacht der Anschläge in Barcelona sitze ich vor dem Fernseher. Höre den Augenzeugen zu, die versuchen, den Schrecken in Worte zu fassen. Sehe die Angst in ihren Augen. Ich bete. Bitte Gott um Kraft. Kraft auch gegen die Angst, die in mir hochkriecht, bis ich kaum noch klar denken kann. Das wollen Terroristen ja: Angst schüren. Dieses Ziel dürfen sie nicht erreichen. Auch wenn das jetzt naiv klingt: Ich halte die Hoffnung auf eine friedliche Welt fest.

 

In diesen Wochen kam mir ein verstörendes Bild in den Sinn: Amerikas Donald Trump und Nordkoreas Kim Jong-Un gehen zusammen - pilgern. Nur die zwei. Und ohne Kriegsgeschrei, denn zu erobern gibt es beim Pilgern ja nichts. Twittern können sie auch nicht. Kein Netz. Sie müssen also schweigen. Oder doch miteinander reden. Sie müssen sich in die Augen sehen. 

Naiv, diese Vorstellung, ich weiß. Doch andererseits: Würden sich Hardliner wie Trump und Kim tatsächlich auf ein Umdenken zu Gunsten des Friedens einlassen, könnte das vielleicht das eine oder andere Wunder freisetzen.

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Pilgern – „beten mit den Füßen“. Seit dem Mittelalter strömen Menschen nach Jerusalem und Rom oder Santiago de Compostela. Suchen inneren Frieden, Heilung für Körper und Seele, sagen Danke für gesunde Kinder und haltbare Beziehungen. Erbitten himmlische Hilfe, wenn das Leben aus dem Ruder geraten ist und sie nicht weiter wissen. Wer pilgert, bringt alles vor Gott. Auch die Angst, die Ohnmacht. Und hört in sich hinein, damit Gott mal zu Wort kommen kann.

Pilgern gibt Kraft, spiegelt aber auch den Alltag wider, kostet also Nerven. Ob Lust oder nicht, jeden Morgen muss ich den inneren Schweinehund an die Leine nehmen und erneut losgehen. Doch dann drückt der Rucksack, die Füße tun weh, die Mücken plagen. Die Wasserflasche ist leer, der Durst quält. Auch das gehört dazu: sich Widerstände zumuten. Und warten lernen. Warten, bis ich beschenkt werde -  etwa mit dem Hinweis auf eine Raststätte im nächsten Dorf.   

Beim Pilgern bin ich auf fremde Hilfe angewiesen, auf ein „du schaffst das“, wenn eine besonders harte Wegstrecke vor mir liegt. Hilfe anzunehmen lehrt mich, demütig zu bleiben. Was sicher auch den Mächtigen dieser Welt gut täte.

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 „Träum‘ weiter“, werden Sie jetzt denken. Stimmt. Weder Trump noch Kim werden auf Pilgerreise gehen, wie es mittelalterliche Herrscher getan haben, wenn sie sich verrannt hatten.

Aber dass weltpolitische Anliegen - der Frieden auf der koreanischen Halbinsel, das Flüchtlingsdrama im Mittelmeer oder das Ende des Terrors  - dass all diese Anliegen sehr wohl in den Pilgerrucksack passen, das stimmt. Weil Pilgern eine Lebenshaltung ist: Ich trage meine verwundete Seele und die verwundete Welt zu Orten, an denen Gottes Gegenwart ganz besonders zu spüren ist. Und heilend wirken kann. Diese Hoffnung darf nicht sterben.

Ja, ich bin überzeugt: Gott kann heilen. Kann alles neu machen. (vgl. Off 21, 2-5) Diese Vision einer friedlichen Welt ist es, die mich auch angesichts von Terror und Kriegstreiberei auffängt. Und zur Antriebskraft für das Handeln wird.

Für mich ist das keine Träumerei. Ich bin realistisch: Ich glaube an Wunder – auch in Zeiten wie diesen.  Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag.

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