„Wachet auf!“ – Eine Weckruf zur Weltklimakonferenz

Pfarrer Dr. Wolfgang Beck

„Augen zu und durch!“ Auf diesen Grundsatz lässt sich wohl die Grundhaltung der meisten Menschen bringen – auch von mir selber - , wenn es um Fragen der Klimaveränderungen geht. „Wird schon irgendwie gut gehen.“ Die derzeit in Bonn stattfindende Weltklimakonferenz wirkt auf mich seltsam: Fast alle haben begriffen, dass mit der Klimaveränderung katastrophale Effekte verbunden sind. Auch bei uns verändern sich die Wetterereignisse ja merklich. Am Beispiel der Fidschi-Inseln wird aber auch deutlich, dass in anderen Regionen der Erde schon jetzt ganze Staaten vom Untergang bedroht sind, und das nicht nur, weil der Meeresspiegel ansteigt. Und was kommt jetzt?

 

So vielfältig wie die Folgen, so kompliziert sind die Zusammenhänge. Die Diskussionen um Elektrofahrzeuge, das tägliche Mülltrennen und der Verzicht auf Plastiktüten mögen wichtige Schritte sein. Sie bilden ja auch das öffentliche Bewusstsein und zeigen in die richtige Richtung. Mit ihnen ändert sich langsam dieses Bewusstsein. Die weltweiten Probleme lösen, können sie allein nicht. Die Frage, die hinter den einzelnen Bemühungen steht, rückt neben dem eigenen Lebensstil auch die Ausrichtung einer ganzen Gesellschaft in den Blick: Wie soll es funktionieren, dauerhaft von einem Anstieg des Lebensstandards auszugehen? Und ist es sinnvoll, die Wirtschaft nur unter der Perspektive des Wachstums zu beurteilen? Wohl kaum.

 

Die Schicksale der Menschen in den ärmsten Ländern, die auch noch am stärksten von den Veränderungen getroffen werden, sind eben weit weg. Die Überschwemmungen und andere Wetterkatastrophen, steigende Kosten für Deichbau, Gebäudeversicherungen und andere Absicherungen des Lebens sind da schon konkreter und werden immer mehr zum Problem. Es ist einfach nicht mehr möglich, sich vor den grundsätzlichen Anfragen an unseren Lebensstil zu drücken. „Augen zu und durch“, wird jedenfalls nicht mehr lange gutgehen.

 

Ich kenne die Versuchung, sich mit solchen Fragen nicht zu beschäftigen. Das ist nämlich kompliziert, weil so viele Aspekte zusammenhängen. Und es ist anspruchsvoll, weil auf einmal meine Art zu leben angefragt ist. Die meisten von uns delegieren diese Fragen deshalb ganz pragmatisch: Das sollen dann mal die Regierenden in die Hand nehmen, die Verantwortlichen in der Wirtschaft oder natürlich die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Nur lässt sich eben nicht alles im Leben, was unangenehm ist, auf andere abschieben.

 

Jetzt im November wird in den Gottesdiensten der Kirchen häufig das alte Lied „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ gesungen. Wach zu sein und die Augen zu öffnen, ist nicht nur in diesem Lied, sondern auch in vielen biblischen Texten ein grundlegendes Ideal für Christinnen und Christen. Es geht darum, die wichtigen und herausfordernden Dinge mitzubekommen. Es geht darum, sich den Realitäten zu stellen. Die Praxis, die uns in der Bibel von Jesus überliefert wird, ist von dieser Wachheit für das Schicksal von Menschen durchzogen: Wach für die Not von Menschen. Wach für Themen, um die sich andere herumdrücken. Aus dieser Praxis Jesu entsteht das Ideal von Menschen, die nicht die Augen schließen, wenn es unbequem wird. Das „Wachet auf“ ist das große und anspruchsvolle Gegenprogramm zum populären „Augen zu und durch!“.

 

Auch wenn es jetzt schon spät am Abend ist, auch wenn es mit den Veränderungen des eigenen Lebensstils unbequem wird, auch wenn es meist genügt, sich mit den alltäglichen Fragen rumzuschlagen und halt irgendwie durchs Leben zu kommen, auch dann gilt: Mach nicht die Augen zu, „wach auf“!

 

 

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