Witzigkeit

Pastorin Annette Behnken

Wort zum Sonntag

25.02.2017, 23:05 Uhr, Das Erste

Sprecherin: Annette Behnken, Wennigsen

„Witzigkeit“

Ich glaube wirklich, dass wir das brauchen: Diese zeitlich begrenzte kollektive Erlaubnis, bekloppt zu sein. Jeck. Für `n Moment nicht über Sinn und Zweck, Korrektheit und Effektivität nachdenken. Spass haben, unverfroren sein, alles durch den Kakao ziehen, ohne Schere im Kopf und Blatt vorm Mund. Ja, ich glaube wirklich, wir brauchen den Karneval, die 5. Jahreszeit.

Denn: „Humor und Geduld sind Kamele, mit denen wir durch jede Wüste kommen.“ Das hat ein belgischer Geistlicher gesagt, den ich sehr bewundere. Er war ein berühmter Seelsorger und kannte sich aus mit uns Menschen.

Und es ist ja wirklich ne Wüste, durch die wir müssen. Die Wüste des Weltgeschehens - die Karnevalisten nehmen sie in`s Visier. Und dazu die Dauerbrenner: Männer machen Witze über Frauen, Frauen machen Witze über Männer. Stellen die Moral in Frage und unsere gewohnten Regeln des Zusammenlebens. Die kleinen und großen und allgemeinen Dinge des Lebens. Und das Kamel des Humors trägt uns durch die Wüste.

Ganze 2 1/2 Stunden lang konnten Sie heute Abend hier im Fernsehen den Närinnen und Narren zugucken: 2 1/2 Stunden lang Helau, Pappnasen, Schunkeln und bunte Haare. 2 1/2 Stunden Narr-Sein. Der Narr war ja früher der einzige, der dem König ungestraft die unzensierte Meinung sagen durfte. Der Narrenfreiheit genoß, die Schwachpunkte der Herrschenden aufdeckte, der Autoritäten und Mächtigen, es ihnen unverblümt mitten ins Gesicht sagte. Und sich närrisch dran freut. Der Narr steht über den Dingen, unverschämt und frei.

Erstaunlich: Nur knapp ein Drittel der Menschen in Deutschland mögen den Karneval. Jeder Fünfte findet ihn doof. Und knapp der Hälfte ist er egal. Mir eigentlich auch. - Aber - Lachen tut so gut! Und man kann natürlich auch ohne Karneval lustig sein. So oder so: Das Lachen gibt uns den Abstand, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Und die Freiheit, sie so zu sehen, wie sie sein sollten.

Die zwei großen Stärken des Narren: Er macht sich selbst lächerlich. Aus freien Stücken. Und: Er kann hinter Fassaden blicken. Und darum - und das ist eine der grossartigsten Wirkungen des Humors - neben der, dass er nunmal einfach Spass macht - Humor kann nicht fundamentalistisch sein. Fundamentalisten stellen sich nicht in Frage. Diktatoren verstehen keinen Spaß. Gucken wir mal: Welche Politiker fallen uns ein, die garantiert nicht über sich selbst lachen können. Und welche, die das können. Man muss nicht lange überlegen.

Ja, wir brauchen die 5. Jahreszeit. Das Närrisch-Sein. „Die Karawane zieht weiter, der Sultan hat Durst“ singen mehr oder weniger sinnbefreit die Karnevalisten. Und wir brauchen das Kamel des Humors, das uns durch die Wüste des Lebens trägt. Humor lässt uns besser aushalten, was ist und zeigt uns, wo es eigentlich hin gehen sollte. „Selig, die ihr jetzt weint, ihr werdet lachen.“ Das ist eine der großen Verheißungen der Bibel.

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