09.06.2011: Von App-Land bis Arabien

Wie Gesellschaft und Journalismus neu verdrahtet werden

In den vergangenen Monaten erlebten wir den Boom der Apps und den Start des Datenjournalismus in Deutschland, die überraschende Rolle sozialer Medien in der arabischen Welt und ganz neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Bürgern und Journalisten.

 

Der siebte Frankfurter Tag des Online-Journalismus bringt wichtige Akteure dieser Entwicklungen und Experten zusammen. Wir fragen: Wo bleibt der Journalismus? Verändert das neue Netz auch unsere Gesellschaft? Wie können sich Journalisten und Medienanbieter jetzt positionieren?

 

Online-Experten: Journalisten müssen mit dem Nutzer kommunizieren

 

###f03###Frankfurt a.M. (epd). Journalisten müssen nach Ansicht von Online-Experten zu Kuratoren werden und Inhalte vermitteln, verwalten und kommunizieren. »Der Journalist muss sich der Kommunikation mit dem Leser stellen«, sagte der Chefredakteur von »sueddeutsche.de«, Stefan Plöchinger, am Donnerstag in Frankfurt am Main beim 7. Frankfurter Tag des Online-Journalismus. Wer 200 Leser-E-Mails bekomme, müsse diese auch beantworten. Der Journalist und Dozent Christian Jakubetz sagte, die Erwartung der Nutzer an Journalisten habe sich verändert. In Zukunft werde Echtzeitjournalismus bedeutender werden. Für Plöchinger wachsen durch das Internet die Medien zusammen. »Wir erfinden tatsächlich gerade Journalismus neu«, sagte er. Im »Multimedium« Internet gehe es sowohl um Ticker, aber vor allem um Hintergründe.

 

Das sieht auch Jakubetz so. Journalisten müssten neue Darstellungsformen finden. Mit einem Tablet-PC sei beispielsweise die schnelle Berichterstattung per Twitter, YouTube und Facebook nahezu gleichzeitig möglich, erklärte er. Das Tablet könne gegebenenfalls alle anderen Medien ersetze, da es Filme, Text und Ton darstellen könne. Es werde sich als Gerätegattung eher durchsetzen als das Netbook. Jakubetz warnte jedoch auch vor zu hohen Erwartungen: »Das Tablet wird nicht irgendjemanden retten.« Eher werde sich der Druck auf Verlage noch weiter erhöhen.

 

Die ARD-Journalistin Golineh Atai hob die Bedeutung sozialer Medien für die Berichterstattung hervor. »Sie verändern unsere Arbeit. Sie bedeuten unglaubliche Nähe, ohne geografisch nah zu sein«, sagte die Reporterin. Mit Hilfe von sozialen Netzwerken könnten Journalisten in repressiven Ländern »Risse im System« aufzeigen. Wichtig sei es, Quellen zu prüfen, mit anderen abzugleichen und daraus dann Geschichten zu machen. Als ehemalige Korrespondentin in Ägypten habe sie mit Hilfe von arabischen aktuell 09. Juni 2011, Nr. 111a Medienwissenschaftlern Videos von den Demonstrationen in Ägypten einschätzen

können.

 

Der Medienbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Markus Bräuer, betonte, dass genau diese Vorgehensweise richtig sei. Außerdem sollten Medienmacher darauf hinweisen, wenn sie keine oder nur unsichere Informationen hätten. Wer kurz nach einer Veranstaltung wie der Loveparade zu wissen glaube, wer Schuld sei, »kann doch nicht seriös genannt werden«, sagte er.

 

Für den freien Journalisten Lorenz Matzat ist der sogenannte Datenjournalismus im Internet von großer Bedeutung. »Wir sind umgeben von Messgeräten, die Informationen sammeln«, sagte er. Mit diesen Daten könnten »tolle Geschichten« erzählt werden, vor allem »hyperlokale«, die die Leser direkt beträfen. Leser könnten auch direkt eingebunden werden. Als Beispiel nannte Matzat die »New York Times«, die ihre Internet-Nutzer dazu aufrief, Vorschläge zur Kürzung des Regierungshaushalts zu machen. Außerdem könne der Leser wie bei den Plagiatsaffären in die Recherche eingebunden werden.

 

Der 7. Frankfurter Tag des Online-Journalismus wird gemeinsam vom Hessischen Rundfunk (HR), der EKD, dem Fachmagazin »epd medien« und dem Internetportal »evangelisch.de« organisiert. »epd medien« und »evangelisch.de« gehören wie die Zentralredaktion des Evangelischen Pressedienstes zum Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) mit Sitz in Frankfurt am Main. pat