9. FTOJ: Blackbox oder Glashaus

Möglichkeiten und Grenzen der Transparenz

Gern gefordert, ungern gewährt: Transparenz und Offenheit finden stets ungeteilte Zustimmung, solange andere betroffen sind. Auch im Journalismus ist Transparenz schon immer ambivalent. Zwar ist ohne sie gar keine Informationsgewinnung und Berichterstattung möglich, doch müssen Quellen geschützt und Redaktionsgeheimnisse gewahrt werden.

 

###f02###Das World Wide Web hat die Bedingungen und Regeln für den richtigen Umgang mit der Transparenz dramatisch verändert. Einerseits ist es viel schwerer geworden, Informationen unter Verschluss zu halten – genannt seien nur die Stichworte Google Streetview, Wikileaks oder Lobbyplag.

 

So eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten für Journalisten, die sich aber andererseits mit dem Anspruch konfrontiert sehen, auch ihre eigene Tätigkeit viel offener zu gestalten. Berichterstatter werden zum Teil des Geschehens und selbst zum Berichterstattungsobjekt, verdeckte Abhängigkeiten werden publik und Fehler versenden sich nicht mehr; transparent wie nie ist schließlich auch der Markterfolg der journalistischen Erzeugnisse.

 

Was bedeutet das für Journalisten und ihre Arbeit? Kann speziell der Online-Journalismus die neuen Chancen der Transparenz auch für neue und bessere Produkte nutzen? Wie öffnet man den Redaktionsbetrieb mit Gewinn für Macher und Publikum – und bewahrt doch, wo nötig, geschützte Räume? Wie offen kann Online-Journalismus in einer weniger demokratischen Gesellschaft sein? Wo verlaufen auch bei uns Grenzen der Transparenz – und wo wird sie uns vielleicht nur vorgegaukelt?

 

Mit diesen und ähnlichen Fragen befasst sich der 9. Frankfurter Tag des Online-Journalismus am 4. Juni 2013.

 

Frankfurt (epd). HR-Intendant Helmut Reitze hält mehr Transparenz bei den öffentlich-rechtlichen Sendern für wünschenswert. Die Beitragszahler sollten in Zukunft besser informiert werden, was mit ihren Gebührengeldern geschehe, sagte Reitze am 4. Juni beim Frankfurter Tag des Online-Journalismus. Allerdings könne nicht jeder Wunsch nach Offenlegung erfüllt werden. Nicht jedes Gehalt werde in Zukunft transparent gemacht.

 

Reitze befürwortete die Bewegung "Open ARD ZDF". Die Initiative fordert, die Verwendung von Gebührengeldern offenzulegen (epd 17/13). Der Vorsitzende des HR-Rundfunkrates, Jörn Dulige, begrüßte ebenfalls die Forderung nach mehr Transparenz beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Aktuell diskutiere man im Rundfunkrat besonders intensiv das Thema der transparenten Gebührenverwendung.

 

Auf dem Weg zu mehr Transparenz im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sei "Open ARD ZDF" ein guter Ansatz, sagte Lorenz Lorenz-Meyer, Professor für Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt. Viele Zahlen seien zwar öffentlich, für Laien jedoch nicht verständlich. Sascha Venohr, Redakteur bei "Zeit Online", sprach von einer Chance für die öffentlich-rechtlichen Medien: Sie sollten die Verwendung der Gebührengelder besser erklären. "Bei der Größe ist eine gute Aufbereitung von Zahlen wichtig, um Verständnis zu erzeugen", sagte Venohr.

 

Bei dem Fachkongress stand die Frage nach Möglichkeiten und Grenzen der Transparenz im Journalismus im Mittelpunkt. Der Journalistik-Professor Klaus Meier von der Katholischen Universität Eichstätt sagte, für Redaktionen gebe es viele Möglichkeiten, die Arbeit transparenter zu gestalten. Autoren könnten beispielsweise schon vor Veröffentlichung der eigentlichen Geschichte von ihrer Recherchereise berichten. In Blogs könne man Hintergründe verwenden, die es nicht in den Artikel geschafft hätten, oder nach der Veröffentlichung auf Reaktionen eingehen. Die Transparenz dürfe jedoch nicht allein Marketingzwecke erfüllen.

 

Ein Instrument für mehr Offenheit sei der ehrliche Umgang mit Fehlern. "Beitragsberichtigung stärkt die journalistische Qualität", sagte Meier. In Studien habe er untersucht, welche Wirkung mehr Transparenz auf den Leser habe. Dabei habe er Indizien gefunden, dass ein Medium mit mehr Offenheit seine Glaubwürdigkeit steigern könne. Außerdem könnten Journalisten bei öffentlicher Recherche von den Hinweisen aus der Bevölkerung profitieren.

 

Auch der Medienjournalist und Blogger Stefan Niggemeier forderte einen offeneren Umgang mit Fehlern. "Man muss auch Dinge berichtigen, die wehtun", sagte er. In der heutigen Zeit müssten sich Medien angreifbar machen. Souveränität bedeute nicht das Ignorieren von Kritik, sondern den offenen Umgang damit. Journalisten müssten von ihrem Podest steigen und auf Augenhöhe mit den Rezipienten sein. Wenn Medien nicht offen mit Kritik umgingen, könnten sie Schaden nehmen. Die Kritik sei in Blogs oder sogenannten Shitstorms öffentlicher als früher.

 

Der Frankfurter Tag des Online-Journalismus fand am 4. Juni zum neunten Mal statt. Veranstalter des Kongresses sind der HR und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD).  - crm -

 

 

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