Ein Brief aus Klausenburg

Evangelischer Rundfunkgottesdienst
Ein Brief aus Klausenburg
Rundfunkgottesdienst aus der Lutherkirche in Radebeul
31.03.2019 - 10:05
Über die Sendung

Seit 30 Jahren besteht die Partnerschaft der evangelischen Gemeinde in Radebeul mit der rumänischen Gemeinde in Klausenburg. Die Möglichkeiten im Kontakt zu sein, haben sich rasant entwickelt. Dennoch haben beide Gemeinden eine Tradition entwickelt, an der sie festhalten wollen. Sie schreiben sich Briefe; jedes Jahr mindestens einen. Am Partnerschaftssonntag werden sie verlesen. Der aus Rumänien in Radebeul und der aus Radebeul in Rumänien. So bleiben sie in Kontakt. Sie erfahren voneinander, was es Neues gibt. Sie lesen, wie Projekte sich entwickeln, an wen besonders zu denken ist, weil er oder sie es gerade schwer hat. Sie hören, was es Erfreuliches gibt und wo Probleme auftauchen, innerhalb der Gemeinde, im Umfeld des Ortes oder des Landes. Und auch eine geistliche Ermutigung fehlt nicht. Ein biblisches Wort oder ein Hoffnungssatz aus dem Schatz christlicher Tradition.

Die beiden Partnergemeinden greifen damit etwas auf, was schon in der Urchristenheit gepflegt wurde. Paulus zum Beispiel schrieb Briefe an die Gemeinden, die er gegründet hatte. Der Brief an die Römer, an die Korinther oder an die Gemeinde in Philippi sind bis heute in der Bibel zu lesen. Immer nehmen sie Bezug auf konkrete Anlässe, zugleich aber sind sie Botschaften und Zeugnisse gläubiger Christen, die auch über Jahrhunderte hinweg zur Anrede Gottes für heutige Menschen werden können.

Im Gottesdienstablauf nennen sich diese Briefe Episteln, weil sie von den Aposteln geschrieben wurden. Epistel heißt Brief. Welche Botschaft die Rumänen wohl haben für die Gemeinde in Radebeul und die Gemeinden in Deutschland am Radio? Die Predigt im Gottesdienst hält Pfarrer Christof Heinze.

 

 

Gottesdienst nachhören

 

Den Gottesdienstmitschnitt finden Sie auch direkt unter http://www.deutschlandradio.de/audio-archiv.260.de.html?drau:broadcast_id=122

Predigt zum Nachlesen
 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus

 

Liebe Gemeinde in Radebeul, liebe Hörerinnen und Hörer,

Vollkornbrot, Roggenbrot, Kürbiskernbrot – wahrscheinlich gibt es nur in wenigen Gegenden der Welt so viele verschiedene Arten von Brot wie hier bei uns. Jeder kann davon etwas erzählen. Eine Freundin von mir war zum ersten Mal in England, und ich hatte noch zu tun und wollte ein paar Tage später nachkommen. Wir haben vorher kurz telefoniert, und ich hatte sie gefragt, ob ich was mitbringen soll. Ohne zu überlegen kam die Antwort: Brot! Sie hatte Heimweh nach dem deutschen Brot. Nie so ganz vergessen hab ich das Schild an einer Dresdner Bäckerei kurz nach dem Mauerfall: „Drei Sorten BRD-Brot!“ – was von „drüben“ kommt, muss besser sein. So dachten damals viele.

 

Aber Brot, das vom Himmel kommt? Kann ich darüber Geschichten erzählen? Wenn ich ein bisschen krame in meiner Lebensgeschichte, dann fallen mir Hubschrauber ein, die Brot abgeworfen haben. Das war Anfang Januar 1979, ich war neunzehn und Soldat in Vorpommern, im Nordosten der DDR. Der Winter war katastrophal. Wir haben Straßen freigeschippt bei klirrender Kälte. Und waren selber irgendwann von allen Wegen abgeschnitten. Wasser gab es genug durch die Unmassen von Schnee. Verdursten musste keiner. Wir hatten bloß tagelang nichts zu essen. Dieses eine Mal in meinem Leben habe ich gehungert, und mein Gebet war Brot, irgendwas zu essen. Bis diese Hubschrauber kamen und Pakete abgeworfen haben. Und wir haben uns auf das Brot gestürzt, das in Konservendosen abgepackt war. Schnaps war auch drin in den Paketen, obwohl der ansonsten streng verboten war. Einer hat eine Flasche in die Hand genommen, Abstinenzler eigentlich, und ich erinnere mich, wie er gesagt hat: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Nach einer Weile braucht er einen Drink“. Und wie wir alle brüllend gelacht haben. Es war auch die Freude, einfach nur endlich was zu essen zu haben. Brot vom Himmel, aus Hubschraubern. Vom Himmel geworfen, damit, die es essen, nicht sterben. Zumindest das kann ich erzählen.

 

Erzählen können auch die etwas, die im Johannesevangelium Jesus zuhören und ihn nie so ganz verstehen. Sie kennen die Geschichten aus uralter Zeit: Israel ist in der Wüste nicht verhungert, als es aus Ägypten in das gelobte Land gewandert ist. Gott, so erzählen sie, hat unseren Vorfahren Brot gegeben, damit sie nicht sterben. Jeden Morgen lag es bei den Zelten. Jeder Mensch bekam so viel, wie er brauchte. Wer sich absichern wollte und etwas horten, dem verfaulte das Manna. So hieß dieses Himmelsbrot. In den Heiligen Schriften konnten sie lesen, wie Mose die Alten daran erinnert hat: „Vierzig Jahre hat dich Gott durch die Wüste geführt. Demut hat er dich gelehrt. Er hat dich hungern lassen und dich dann mit dem Manna gespeist, das du nicht kanntest und das auch deine Väter nicht kannten. Er wollte dich sehen lassen, dass der Mensch nicht lebt vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das Gott spricht“ (Dt 8.1a, 3).

 

Das können sie erzählen aus den Geschichten ihrer Mütter und Väter. So wie ich aus meiner Lebensgeschichte von den Hubschraubern erzählen kann. Das sind Geschichten vom Überleben. Was die Zuhörenden im Johannesevangelium und ebenso mich überfordert: Jesus redet hier nicht vom Überleben. Er redet vom ewigen Leben. Und von sich selbst als dem Brot des Lebens. Vom Himmel gekommen, um die Menschen damit zu ernähren. Wer das glaubt, so sagt er, der hat das ewige Leben. Nicht später, wenn er eines Tages gestorben ist. Sondern jetzt, in diesem Augenblick. Ein Leben in Gottes Gegenwart von dem Moment an, wo er es wagt, daran zu glauben. Ab da ist das Leben keine zufällige Sache mehr, die irgendwie vor sich geht und am Ende einfach aufhört. Von da an lebt er in Gottes Gegenwart. Ewiges Leben heißt nicht, dass es immer so weitergeht, ohne Loslassen, ohne Traurigkeit, ohne Abschied. Gerade im Johannesevangelium heißt es das nicht. Eher heißt es: Wenn hier jemand stirbt, wechselt er den Raum. In Gottes Haus sind viele Wohnungen, und von der einen geht er in die andere. Es ist, wie wenn er im Morgenlicht die Lampe ausmacht, weil die Sonne aufgeht und die Lampe nicht mehr gebraucht wird. Er geht in einen neuen Raum, in dem Gott genauso ist wie dort, wo er bisher war. Schon jetzt wird sein Leben anders, wenn er darauf vertraut.

 

Was aber hat das mit dem Brot zu tun? Und warum sagt Christus, dass er das Brot des Lebens sei? Nach meiner Erfahrung braucht man dazu Menschen, die einem durch ihr Leben zeigen, was das bedeuten kann. Und die einen darin stärken. Von unseren Schwestern und Brüdern in Klausenburg haben wir viel gelernt. Noch in der Zeit der Diktatur, 1988, sind zum ersten Mal Menschen aus unserer Gemeinde dorthin gefahren. Mit den Autos von damals, über weit schlechtere Straßen als heute, über Grenzen, an denen man stundenlang warten musste. Wo die Taschen durchwühlt wurden, wenn der Kontrolleur das so wollte. Wo man nach Dingen gefragt wurde, die niemanden etwas angehen. Sogar 1989 im Dezember sind Radebeuler nach Klausenburg gefahren, mitten hinein in das Chaos in Rumänien nach dem Sturz von Ceaucescu, und haben dort Silvester gefeiert. Sie haben eine reformierte Gemeinde kennengelernt, die in Rumänien ungarisch sprach und nur eine kleine niedrige Stube hatte, um dort zu den Gottesdiensten und zum Gebet zusammenzukommen.

 

Noch heute, 30 Jahre später, haben wir gerade im Brief aus Klausenburg gehört: Das Gebet soll der Pulsschlag der Gemeinde sein. In unserer Partnerkirche ist das kein frommer Vorsatz, sondern eine wirkliche Erfahrung. Diese Gemeinde hat sich ihre Wege niemals ausgedacht und dann irgend etwas gemacht. Sie hat sich von Gott ihre Wege zeigen lassen. Das hat mich tief beeindruckt, bei vielen unvergesslichen Begegnungen. Wie unsere Partner immer wieder darum ringen, in schwierigen Zeiten das Richtige zu tun, im Lauschen auf Gott und in Liebe zu den Menschen. Viele in Rumänien, die etwas können, arbeiten in Ländern, wo man mehr verdienen kann als dort. Kinder und alte Menschen bleiben oft zurück.

 

Unsere Partner arbeiten beharrlich an einem Kindergarten und an einem Altenpflegeheim. Schwierigkeiten und Rückschläge gibt es immer wieder. Sie beten um offene Türen – und es öffnen sich Türen, auch da, wo es niemand gedacht hätte. Eine moderne Kirche wurde gebaut. Unsere Partner sind aus einer kleinen Nische in die Öffentlichkeit der Großstadt getreten, aus der Gemeinde ist eine Kirche geworden. Dabei haben auch wir mitgeholfen. Vor allem aber haben wir für unseren Glauben viel gelernt. Denn in unserer Mentalität wollen wir ja immer gern möglichst alles planen, organisieren, konzipieren und dann machen. Das ist sicher nötig, ist allein aber zu wenig. Dass das alles von Gott her und zu unseren Mitmenschen hin gefügt sein soll, dass man Wunder erleben kann in dieser Haltung – dass kann uns bei unseren Aktivitäten leicht wegrutschen.

 

Das ist wie mit dem Brot, von dem Christus redet. Um schlicht am Leben zu bleiben, braucht man Lebensmittel. Wenn sich unser Leben aber nur darauf beschränkt, sie zu erwerben und zu verbrauchen, dann verliert es seine himmlische Weite und stirbt am Ende den irdischen Tod. Ebenso stirbt unsere Freude, wenn wir nur machen und tun und nicht auch lieben, hoffen, beten und vertrauen. Hier sind die Klausenburger unsere geistlichen Lehrerinnen und Lehrer. Ihr Vertrauen und ihr Gebet machen auch uns hier hoffnungsvoller und offener für Wunder.

 

Als europäische Christenmenschen leben wir in Gesellschaften, die sich sehr unterscheiden, kulturell und auch politisch. Wir sehen die Welt aus verschiedenen Blickwinkeln und sind in Christus verbunden. Mögen sich dadurch manche Anschauungen sehr unterscheiden, Christus ist das Brot, das uns ernährt und uns leben und voneinander lernen lässt, hier wie dort. Das Wort wurde Fleisch, sagt das Johannesevangelium von Christus. Ein Stück von diesem Geheimnis ist immer auch da, wo der Glaube eine lebendige Erfahrung wird, die man teilen kann. Das ist die Seele unserer Partnerschaft, und vielleicht ja unseres Lebens überhaupt.

 

Sie können sie im Radio nicht sehen: Wir haben heute zwei hölzerne Leuchter aus Klausenburg auf unserem Altar stehen. Solche Schnitzereien finden sie auch auf alten ungarischen Friedhöfen in Siebenbürgen. Sie können ganze Geschichten in Ornamenten erzählen. Licht der Welt, Brot des Lebens – die vorläufigen und äußerlichen Dinge sind Boten und Zeichen für das Ewige. Schon im Weizenkorn spielt sich die unendliche Schönheit der ewigen Lebens ab, wenn es in die Erde fällt, stirbt und zur Pflanze wächst mit Weizenfrüchten für das Brot.

 

Wir können es teilen und davon leben. „Mit Liebe gebacken“ ausgerechnet in einer eher unpersönlichen Bäckereikette habe ich das neulich gelesen. Ich musste schmunzeln: Ist Liebe eine Zutat? Im Johannesevangelium ist sie das nicht. Hier ist sie das Wesen Gottes, Anfang und Ende von allem. Gott ist, wie es Luther gesagt hat, „ein Backofen voller Liebe“.

 

Und so freuen wir uns an diesem Sonntag. Er ist wie ein kleiner Vorgeschmack von Ostern, auch wenn wir das Leiden Jesu vor Augen haben. Und nichts fasst unseren Predigttext so schön zusammen wie ein Wort von Martin Luther. Ich will es sagen als Gruß nach Klausenburg in Rumänien und überall dahin, wo Sie uns hören. Luther soll einmal eher nebenbei gesagt haben: „Ein Schluck Bier vertreibt den Durst und ein Stück Brot den Hunger. Christus vertreibt den Tod“.

 

Wir singen den alten Choral „Jesu, meine Freude“ mit zeitgenössischen Worten von Gerhard Schöne.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.