Nicht die Sensationslust füttern

Gedanken zur Woche

Gemeinfrei via unsplash.com (Chris Leipelt)

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Die Gedanken zur Woche im DLF.

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Einer muss geopfert werden, damit die Welt wieder ins Lot kommt.

Die Ägypter haben das so gemacht, die Chinesen, die Azteken. Überall opferte man, um die Götter milde zu stimmen. Böse Geister sollten abgewehrt, Krankheit, Not und Missernte verhindert werden.

Im alten Rom wurde das öffentlich zelebriert als Schauspiel in der Arena. Quasi mit Chips und Popcorn konnte man zuschauen, wie wilde Tiere jemanden zerfleischen. Das gehörte zur Kultur und war beliebt.

Ein Opfer ist gebracht, jetzt ist alles wieder gut.

Geht nach Hause und legt euch schlafen.

 

Doch dieses Schauspiel ist selbst, als füttere man ein Ungeheuer. Denn die Sensationslust wächst mit jeder Aufführung. Das Ungeheuer wird wieder Hunger haben.

 

Das ist eine politische Liturgie, die auch noch heute gilt.

Ein Ungeheuer heißt: Der mit dem Feuer spielt.

Das wächst mit jedem Bissen. Das entfacht den Eifer der Öffentlichkeit, ihm zu huldigen. Nicht mit guten Worten. Sondern mit Härte. Es braucht Taten. Köpfe.

Ein Ungeheuer heißt: Lust am Skandal.

Das labt sich an jeder Meldung, und sei sie noch so klein oder womöglich an den Haaren herbeigezogen.

Ein Ungeheuer heißt: blinder Hass. Das sieht nichts mehr und trampelt los. Den einen macht es Angst, die anderen fühlen sich stark damit.

 

Welches Thema auch gerade ventiliert wird – die Ungeheuer lieben es. Sie wollen es deftig. Gieren nach noch schrilleren Kommentare, noch derberen Schlagzeilen. Sie fühlen sich wohl in den Kommentarspalten, vor allem der sozialen Netzwerke. Sie lassen nicht locker, bis einer erledigt ist.

 

Ungeheuer wachsen, je mehr man sie füttert. Menschen knien ehrfürchtig nieder vor ihrer Größe. Ein ums andere Mal. Es braucht nur noch die Triggerworte von A wie Asyl und B wie Bamf bis S wie Solingen – und schon reagieren die Reflexe ihrer Vasallen. Und die Risse werden immer tiefer in der Arena. Quasi unüberwindbar.

 

Das Schauspiel für die Ungeheuer wirft eine Amtsleiterin in die Arena und die ganze Bremer Asylbehörde gleich hinterher. Wer wird der nächste sein?

 

Es gab mal einen, und ich glaube an ihn, der hat sich in den großen Riss geworfen, als Selbstopfer. Als Brückenbauer zwischen den Menschen. Und zwischen Gott und den Menschen. Er hat damit das unsägliche Opfern ein für alle Mal beendet.

Sein Zeichen wird gerade viel diskutiert. Es ist ein Kreuz. Es bewahrt mich davor, Gott zu spielen.

 

Wir dürfen uns zurücklehnen und tief Luft holen. Es ist nicht an uns, die markigsten Urteile zu fällen. Denn wir leben in einem Rechtsstaat. Dazu haben wir Gerichte. Und wenn Regierungsversagen hinter einem Fehlverhalten steht, zum Beispiel in der Bremer Asylbehörde – dann gibt es dazu notfalls parlamentarische Untersuchungsausschüsse. Wenn es Behördenversagen ist, dafür gibt es eine Dienstaufsicht. Wir haben diese Instanzen. Und das ist gut so.

Formfehler in Verfahren lassen sich korrigieren. Auffällige Asylbescheide – anerkennend oder ablehnend, in Bremen und anderswo – können geprüft werden.

 

Denn in allen Entscheidungen geht es, am Ende, immer um den einzelnen Menschen. Wir dürfen ihn dem Hunger des Ungeheuers nicht ausliefern. Jede und jeder einzelne braucht unsere Aufmerksamkeit und unseren Respekt, nicht öffentliche Sensationslust.

 

Mevlüde Genc hat diese Woche gezeigt, wie man sich nicht beugt vor den Ungeheuern dieser Welt. Wie man unabhängig bleibt. Obwohl gerade sie allen Grund der Welt gehabt hätte. Zwei Töchter, zwei Enkelinnen, eine Nichte hat sie beim Brandanschlag in Solingen verloren.

„Ich trage diesen Schmerz seit 25 Jahren in mir“, sagte sie zur Gedenkstunde. „Und nur Gott weiß, was das für ein Schmerz ist. In der Nacht habe ich geweint und am Tag habe ich gelächelt für meine lebenden Kinder, damit der Hass nicht Einzug hält in ihre Herzen.“

 

Das ist die Aufgabe dieser Tage für uns alle: aufzupassen, dass nicht der Hass Einzug in unsere Herzen hält. Dass wir uns nicht überrumpeln lassen von alten Reflexen. Keine Ungeheuer mehr füttern und keine Menschen in die Arena eines politischen Kalküls treiben. Sondern Brücken bauen zwischen Menschen. Und dem Guten in uns Futter geben.

 

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Es gilt das gesprochene Wort.