Über Macht, Sex und Respekt

Gedanken zur Woche

Gemeinfrei via unsplash.com (Samantha Sophia)

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Die Gedanken zur Woche am 12.01.

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An einem lauen Sommerabend geht König David auf das Dach seines Palastes. Sein Blick schweift über das Nachbarhaus. Durch ein Fenster kann er sehen, wie sich die Nachbarsfrau Batseba gerade wäscht. David ist von ihr sehr angetan. Er schickt seine Diener los und lässt sie holen. Dann hat er Sex mit ihr. Das berichtet die Bibel. Sie berichtet allerdings nichts über das Einverständnis der Frau. Hatte sie eine Wahl, wenn der König ruft? Nicht wirklich. Manche Menschen denken, wenn Sie Macht haben, dürfen sie alles. Doch das ist ein Irrtum, wie König David lernen muss. Er wird für seinen Frevel hart bestraft. Von Gott.

 

Doch Davids Irrtum hält sich unter vielen Machtmenschen bis heute hartnäckig. Ihre sexuelle Übergriffigkeit wird meist stillschweigend erduldet, geduldet und übersehen. Doch seit Oktober letzten Jahres ist das anders. Ausgehend von der Film-Branche prangert die Aktion #metoo solches Fehlverhalten an. Allein am ersten Tag posteten 4,7 Millionen: mir ist es auch so ergangen – me too. Erschreckend viele.

 

In dieser Woche haben sich viele Schauspielerinnen noch einmal eindrucksvoll hinter die Aktion gestellt. Sie erschienen am vergangenen Sonntag in Beverly Hills zur Verleihung der Golden-Globe-Preise ganz in Schwarz. Schwarz – als Ausdruck ihres Protestes gegen sexuelle Gewalt. Wie jeder anständige Mensch kann ich dieses Anliegen nur unterstreichen.

 

Doch zwei Tage später, am Dienstag, haben sich dazu 100 Frauen in Frankreich kritisch zu Wort gemeldet, unter ihnen auch die berühmte Schauspielerin Catherine Deneuve. Den inhaltlichen Kern der Aktion unterstützen sie: keine sexuelle Gewalt gegen Abhängige, seien es Frauen oder Männer. Doch die 100 Frauen weisen auch darauf hin, dass es für sie um mehr geht: nämlich um das Spiel der Geschlechter insgesamt. Sie fragen: Wo sind die Grenzen zwischen erlaubter Annäherung und verbotener Gewalt? Sie machen sich Sorgen, dass die Gesellschaft vor lauter Korrektheit ihre Sinnlichkeit verlieren könnte. Sie fürchten um das leichte Spiel erotischer Werbung umeinander. Sie weisen darauf hin, dass sexuelles Knistern immer mit einem Risiko behaftet ist. Deshalb plädieren sie für eine Freiheit zur Anmache, auch ungeschickte. Sie fürchten, sonst könnten Frauen wieder zu schwächlichen Wesen gemacht werden, die besonders schutzbedürftig seien. Sieger könnten am Ende diejenigen sein, die ohnehin Sexualität verteufelten, meist religiöse Fundamentalisten oder schlimmste Reaktionäre.

 

Macht und Sex sind ein schwieriges Paar. Und zugleich ein fester Bestandteil des Lebens. Meist vergleichsweise harmlos. Nahezu überall wird ein wenig geflirtet, gelächelt, leicht berührt. Und Frauen sind dabei nicht nur die Opfer. Die meisten wissen, welches Machtpotenzial die weibliche Anmut darstellt und dass man damit einiges erreichen kann. Deshalb wird sie auch gerne in der Werbung genutzt. Im Gegenzug wissen Männer, dass viele Frauen es mögen, wenn sie als Frauen wahrgenommen und auch ein wenig umworben werden. Doch wo verläuft die Grenze zwischen Flirt und Belästigung, zwischen Annäherung und Machtmissbrauch?

 

Welche Regeln kann es geben? In der Schule gilt zwischen Lehrern und Schülern: Nicht anfassen! Das sollte überall gelten, wo Menschen von einem anderen abhängig sind. Aber es sollte nicht generell gelten, denn Menschen brauchen auch Berührung. Wir verkümmern, wenn wir vor lauter korrekter Distanz nicht mehr berührt werden.

 

Am Ende sehe ich nur eine allgemeingültige Regel: Handle mit Respekt! Wer für sein Gegenüber keinen Respekt empfindet, sollte die Finger von ihm lassen. Anders herum: Wenn man Respekt empfindet, werden die Finger mit großer Sicherheit nichts Falsches tun. Doch dieser Respekt fällt nicht vom Himmel. Er muss vorgelebt und eingeübt werden. Vom ersten Tag an, zuhause, auf der Straße, in der Schule und am Arbeitsplatz. Eine Aufgabe für alle.

 

Wenn Sie mit mir darüber sprechen wollen, dann können Sie mich und eine Mitarbeiterin bis 8 Uhr erreichen unter: 030 – 325 321 344. Oder diskutieren Sie mit, auf Facebook unter ‚deutschlandradio.evangelisch‘.

 

Bibelnachweis: 2.Samuel 11