Zu Gast bei Freunden

Zu Gast bei Freunden

Gemeinfrei via unsplash.com (Chang Duong)

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„Die Welt zu Gast bei Freunden“ - mit diesem Slogan wurde vor zwölf Jahren zur Fußball-Weltmeisterschaft eingeladen. Damals fand sie in Deutschland statt, und nicht nur eingefleischte Fußballfans erinnern sich gern an dieses „Sommermärchen“. Die deutsche Mannschaft musste sich am Ende zwar mit dem dritten Platz abfinden, wurde von der Bevölkerung aber trotzdem begeistert als „Weltmeister der Herzen“ gefeiert, so als hätten eigentlich sie den Sieg davongetragen. In jenem Sommer wurde deutlich, dass der faktische Sieg und der gefühlte Gewinn nicht unbedingt identisch sind.

 

Maßgeblich war dabei das Bemühen, die Gastfreundschaft in den Vordergrund zu stellen, ja diese sogar noch höher zu bewerten als allein den sportlichen Erfolg. Auf einmal war es möglich, schwarz-rot-goldene Fahnen zu schwenken: um Gastfreundschaft zu zeigen, und ganz ohne nationalistisch zu wirken.

 

Gestern hat wieder eine Weltmeisterschaft begonnen, dieses Mal wird sie in Russland ausgetragen. Für viele scheint das Sommermärchen ausgeträumt und auch der Spruch „zu Gast bei Freunden“ kommt heute nicht mehr so leicht über die Lippen. Die Vorzeichen sind denkbar ungünstig. Zuviel ist passiert, was die Freude über Fußball in den kommenden Wochen trübt.

 

Da ist zunächst der Konflikt mit Putin, der nicht zögert, das Sportereignis für seine politischen Interessen auszunutzen. Deshalb gibt es Stimmen, die dafür plädieren nicht nach Russland zu fahren, sondern die WM dort zu boykottieren. Zumindest aber sollten Angela Merkel und andere führende Politiker aus Europa den Spielen demonstrativ fern bleiben.

 

Dann der Skandal um Mesut Özil und Ilkay Gündogan, die sich leichtfertig für die Propaganda Erdogans haben einspannen lassen. Dafür gab es nicht nur bei der WM-Generalprobe in Leverkusen laute Pfiffe.(1) Nicht minder dramatisch die Absage des Freundschaftsspiels zwischen Argentinien und Israel in Jerusalem nach palästinensischen Protesten. Dazu kommt die Angst vor Gewalt durch Hooligans und Terroristen. Und schließlich noch die ewige Debatte um Korruption in der FIFA. Wer jetzt noch behauptet, Fußball spiele außerhalb von Politik, will die Realität einfach nicht erkennen.

 

Ist das Märchen wirklich ausgeträumt? Ich weigere mich, so zu denken. Möchte trotz allem die Fußballwochen genießen. Dafür dürfen Probleme nicht ausgeblendet werden, aber es könnte ein Gegengewicht gesetzt werden. Der Sport hat das Potential für beides: Für Korruption, Machtmissbrauch und politisches Kalkül auf der einen Seite, genauso wie für völkerverbindende Freundschaft und Fairness auf der anderen. Es ist diese andere Seite, die die Spiele schön macht.

 

Vor zwölf Jahren wurde der Slogan „zu Gast bei Freunden“ von Deutschland aus in die Welt getragen: „a time to make friends“ hieß es damals. Daran könnten wir anknüpfen, denn es ist höchste Zeit, Freundschaften zu schließen, auch in Russland, auch in der Türkei, eigentlich überall! Schon dafür lohnt sich die Weltmeisterschaft, die so etwas sein kann wie die spielerische Vorwegnahme einer großen Hoffnung. Wenn auf dem Fußballplatz die Grenzen fallen, verschwinden sie möglicherweise auch aus den Köpfen. Wenn Fans sich mit den Siegern freuen und um die Verlierer bangen; wenn alle gemeinsam jubeln und sich an Regeln halten, dann ist das erreicht, was im Alltag der Welt nicht immer gelingt. Nämlich: Mit offenen Herzen zu spielen.(2)

 

Wie viele Christen neige auch ich dazu, das Gute gegenüber dem Schönen zu bevorzugen. Der Fußballbegeisterung werden moralische Appelle aber nicht gerecht. Und umgekehrt gibt es viele Gründe, dem Schönen und der Lebensfreude eine Chance zu geben. Denn daraus kann Gutes erwachsen. Trotz allem! Und dann wäre die Fußball-Weltmeisterschaft ein Statement für die Überwindung von Grenzen, für gemeinsame Interessen, Begeisterung und Freundschaft.

 

Welche Chance geben Sie der WM? Diskutieren Sie mit auf Facebook unter „deutschlandradio.evangelisch“.

 

 

 

(1) http://www.faz.net/aktuell/sport/fussball-wm/deutsches-team/merkel-spricht-in-erdogan-affaere-mit-guendogan-und-oezil-15637361.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0

(2) Motto des Gastgebers Russland

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.