Der Traum lebt!

Rundfunkgottesdienst aus der Evang.-Freikirchlichen Kreuzkirche Oldenburg
Rundfunkgottesdienst aus der Evang.-Freikirchlichen Kreuzkirche Oldenburg
Über die Sendung

 

„Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird. Ich habe einen Traum.“ Mit diesen berühmten Worten beschrieb Martin Luther King seine Vision von einem gerechten und friedlichen Zusammenleben. Beharrlich hat er für diesen Traum gekämpft – ohne Gewalt! Vor 50 Jahren, am 4. April 1968, wurde der schwarze Bürgerrechtler und Baptistenpastor ermordet.

 

Die drittälteste Baptistengemeinde auf dem europäischen Kontinent, die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Oldenburg, feiert einen Gottesdienst zum Gedenken an Martin Luther King. Der Traum lebt! Menschen aus der Gemeinde erzählen, was Martin Luther Kings Traum für sie bedeutet. Eine davon ist Iranerin, die aus Glaubensgründen aus ihrer Heimat geflohen war. Sie lebt in Oldenburg und wünscht sich, dass Menschen jeglicher Hautfarbe und Herkunft und Geschlechts überall gerecht behandelt werden - auch in Deutschland. Gastprediger ist der baptistische Generalsekretär Pastor Christoph Stiba aus Berlin. Ortspastorin Elisabeth Seydlitz leitet den Gottesdienst. Die Musik macht „Baseline“, der Gospelchor der Gemeinde.

 

Die Kreuzkirche im Oldenburger Stadtteil Eversten ist ein weiter, heller Raum mit einem zeltartigen Dach. 350 Menschen – Gemeindemitglieder und viele Gäste aus der Stadt – versammeln sich hier jeden Sonntag zum Gottesdienst. Die ökumenisch gut vernetzte Gemeinde macht viele Mitmachangebote für Menschen jeden Alters und für unterschiedliche Interessengruppen. Es gibt viele diakonische Projekte, z.B. eine wöchentliche Suppenküche für Bedürftige und Einsame. Auf ganz unterschiedliche Art will die Gemeinde sich darin üben, Kings Traum von einem gerechten, liebevollen Miteinander zu leben.

 

www.kreuzkirche-oldenburg.de

 

Gottesdienst nachhören

 

Den Gottesdienstmitschnitt finden Sie auch direkt unter http://www.deutschlandradio.de/audio-archiv.260.de.html?drau:broadcast_id=122

Predigt zum Nachlesen

 

Liebe Gemeinde, liebe Hörerin, lieber Hörer,

wie meint der Apostel Paulus das, was er vor gut 2000 Jahren an die Gemeinde in Rom schrieb? Wie soll das gehen, was wir eben in der Lesung aus dem Römerbrief, Kapitel 12, gehört haben?

Als Paulus seinen Brief schrieb, wuchs die Feindseligkeit den Christen gegenüber bereits. Bis dahin, dass ihnen unter Kaiser Nero der Brand Roms angelastet wurde. Daraufhin begannen die ersten Christenverfolgungen. Und bis heute werden Christen um ihres Glaubens willen in vielen Ländern der Welt verfolgt. Es gibt Schätzungen, dass es bis zu 100 Millionen Christen sind. In Ländern wie Afghanistan, Pakistan, Nordkorea, Saudi-Arabien oder dem Sudan kann eine christliche Überzeugung zum Tod oder mindestens zum Freiheitsentzug führen. – Und diesen Christen damals und heute, diesen bedrängten Menschen, aber auch uns hier schreibt Paulus nun von einem Lebensstil, der geprägt sein soll von herzlicher Liebe und gegenseitiger Ehrerbietung, von Gastfreundschaft, von Segensworten zu Menschen, die Täter und nicht Opfer sind, weil sie andere verfolgen, von Anteilnahme an Leiden und Freuden anderer, nicht von Gleichgültigkeit.

 

Menschen, die so leben, wie Paulus es offensichtlich für richtig hält, sollen Frieden mit anderen Menschen halten, nicht Böses mit Bösem vergelten, nicht selber Rache üben, und sich nicht vom Bösem überwinden lassen, sondern das Böse mit Gutem überwinden.

Ist das realistisch? Können Menschen, die bedrängt werden – wegen ihres Glaubens oder warum auch immer – so leben? Schon wir, denen es so gut geht, kriegen das ja kaum hin. Ist das also letztlich nur ein Traum? Der Traum von einem friedvollen, von Liebe geprägten Zusammenleben hier auf der Erde – nur eine Illusion?

 

Allgegenwärtig sind Kriege, Sklaverei, Ausbeutung, Diskriminierung Andersdenkender... Auch Christen selbst haben Andersdenkende verfolgt, sogar im Namen Gottes gemordet... – von unseren alltäglichen Lieblosigkeiten mal ganz abgesehen.

 

Es ist etwas Wahres dran an dem, was Berthold Brecht so sagt:
„Ein guter Mensch sein?
Ja, wer wär‘s nicht gern?
Doch leider sind auf diesem Sterne eben
die Mittel kärglich und die Menschen roh.
Wer möchte nicht in Fried‘ und Eintracht leben?
Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so!“

 

Schon der Reformator Martin Luther – nach dem Michael King Senior sich und seinen Junior umbenannt hatte, wusste das: „Der Mensch ist verkrümmt in sich selbst.“ Er ist so sehr auf sich selbst, auf sein Wohlergehen und sein gutes Leben bedacht, dass er aus dieser „Verkrümmung“ nicht allein herauskommt. Auch mit viel gutem Willen können Menschen diese „Verkrümmung in sich selbst“ nicht gerade biegen.

 

Genauso wenig wie ein Leopard seine Flecken loswerden kann, „so wenig könnt auch ihr Gutes tun, die ihr ans Böse gewöhnt seid“, meint der Prophet Jeremia im Alten Testament. Das bringt auf den Punkt, was wir bei uns selbst auch nur allzu gut kennen. Wir drücken es etwas anders aus und sagen stattdessen: „Niemand kann aus seiner Haut“ oder „Ich kann eben nicht über meinen Schatten springen.“ „Eigentlich wollte ich ja... gelassener werden... liebevoller… mitfühlend… auf Böses nicht mit Bösem antworten...“. Eigentlich. Leider ist es wieder einmal schiefgegangen. Der Leopard verändert eben seine Flecken nicht.

Und nun? Bleibt nun doch alles beim Alten, weil die Welt und die Menschen nun einmal so sind?

 

Gegen eine solche Resignation steht unser Bibelwort heute:

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ – wir haben da in der Tat noch eine Menge zu lernen. Zu Recht beten wir im Vaterunser: „Erlöse uns von dem Bösen.“ Mit unserer Kraft ist es nicht weit her. Erlöse Du, Gott, uns von dem Bösen. Wie könnte das aussehen?

 

Das Neue Testament spricht relativ wenig von Weltveränderung, viel aber von Menschenveränderung. Wer an Christus glaubt, erfährt einen ungekannten inneren Frieden: „Frieden lasse ich euch zurück“, sagte der auferstandene Jesus seinen Freundinnen und Freunden, „meinen Frieden gebe ich euch. Nicht einen Frieden, wie die Welt gibt, gebe ich euch. Euer Herz erschrecke nicht und verzage nicht!“

Dieser Friede breitet sich aus. Seine revolutionäre Kraft liegt in der einseitigen, aktiven Vergebung. Wer erfährt, dass Gott ihm vergibt, der kann vergeben. Wer Versöhnung erfährt, wird ein versöhnlicher Mensch. Wer erfährt, dass er von Gott angesehen ist, der wird andere achten und respektvoll behandeln. Dem erscheinen andersartige Menschen nicht mehr als Bedrohung, selbst wenn sie ganz andere Meinungen vertreten oder fremdartig leben. Wer Versöhnung erfahren hat, wird sich für Verständigung einsetzen, für ein gutes, gelingendes Miteinander. Nicht nur in der Gemeinde, sondern überall in der Gesellschaft. Diesen Traum, diese Vision von einer auf Versöhnung gegründeten Gesellschaft, hat Martin Luther King gelebt.

 

 

Nein, es muss nicht alles beim Alten bleiben! Es gibt Hoffnung. Neues kann werden. Der Apostel Paulus beschreibt diese Hoffnung, seine Erfahrung an anderer Stelle so, und er ist davon begeistert: „Ist jemand in Christus, dann ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen. Neues ist geworden.“

Ich bin sicher, Paulus kannte auch ein Ringen mit festgefahrenen Denkmustern, mit alten Strukturen und bequemen Gewohnheiten – nicht zuletzt bei sich selbst! Ihm, der früher ein scharfer Skeptiker und Gegner des christlichen Glaubens war, war aber klar: Zwar kann ein Leopard seine Flecken nicht verändern; aber für uns Menschen können sich im Glauben an Christus trotzdem unerwartet gute Perspektiven und neue Lebensmöglichkeiten auftun. Denn das Neue, in das hinein Jesus Ostern auferstanden ist, strahlt schon jetzt in dieses Leben hinein.

 

Paulus ist ganz sicher: Das, was ist, muss nicht so bleiben, wie es ist. Denn zu dem, was ist, gibt es immer eine Alternative. „Überwindet das Böse mit Gutem.“ Gott hat mit uns Menschen, mit meinem Leben etwas vor. Gott hat mit dieser Welt etwas vor. Er überlässt sie nicht sich selbst und überlässt sie erst recht nicht denen, die diese Welt für andere zur Hölle auf Erden machen. Paulus vertraut auf Gottes Gegenentwurf. Er vertraut auf die Botschaft, die von Ostern her in diese Welt schallt. Jesus Christus ist Gottes Hoffnungsträger. Er zeigt, dass die Liebe zählt, trägt und Bestand hat – gegen alles Unrecht und alle Ungerechtigkeit und allen Unfrieden in dieser Welt.

 

Die Verhältnisse, die wir erleben, können uns verrückt machen. Die Hoffnung, die Gott schenkt, verrückt uns hingegen: Von der Resignation zu einer zuversichtlichen Erwartungshaltung. Von: „Die Verhältnisse, sie sind nun einmal so, da kann man nichts machen“ zu: „Das wird anders werden. Dafür setze ich mich ein.“ Denn wir vertrauen darauf, dass Gott die bestehenden Verhältnisse aufmischt.

 

Aber es gilt, was wir vorhin von Martin Luther King gehört haben: „Kein Problem wird gelöst, wenn wir träge darauf warten, dass Gott allein sich darum kümmert.“

Gottes guter Geist setzt Menschen in Bewegung und macht sie zu Friedenstiftern. Unrecht, Terror, Gewalt, böse Worte und der Tod werden nicht das letzte Wort behalten.

 

Es ist doch bemerkenswert, dass vor 2000 Jahren nach Ostern und Pfingsten die Jünger von Jesus, ein Haufen nach seinem Tod verängstigter Menschen, zu einer Gruppe von mutigen Leuten wurden, die für ihre Überzeugungen einstanden. Eine Gruppe von relativ ungebildeten Handwerkern wurde zu einer Gemeinschaft, mit der Gott seine Kirche gründete! Weltweit! Die äußeren Verhältnisse hatten sich gar nicht so sehr verändert. Die Christenverfolgung begann ja jetzt erst richtig. Und doch hatte sich in ihnen alles verändert. Nach Ostern und Pfingsten herrschten Freude statt Trauer, Mut statt Zaghaftigkeit, Reden statt Schweigen, Hoffnung statt Trübsal – statt eines ängstlichen Geistes erfüllte sie nun ein Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit . Die Liebe Gottes war ausgegossen in ihre Herzen.

Diese Liebe Gottes verändert viel. Nicht nur im persönlichen Leben. Auch in der Weltgeschichte. Gott hat damals in den Lauf der Geschichte eingegriffen, indem er seine Liebe in die Herzen von Menschen gab. Vielleicht wünscht man sich Gottes Eingreifen in unsere bedrängte Welt anders. Größer. Sichtbarer.

Aber von Gott veränderte Menschen können die Welt gestalten, in der sie leben. Sie ziehen sich nicht zurück vor den Problemen und Verhältnissen, wie sie nun einmal sind.

Ein solcher Mensch war Martin Luther King, an den wir heute besonders denken.

Er träumte von einer gerechten, friedvollen Gesellschaft, von einer „beloved community“, einer liebevollen Menschengemeinschaft. Das hieß für ihn, gerade nicht zu schlafen, sondern hellwach zu sein für beides: für das Reden Gottes und für die Lebenswirklichkeit.

 

„Ich habe einen Traum…“ das bedeutete für Martin Luther King wie die Jünger von Jesus damals, aus der Kraft des Ostergeschehens heraus zu handeln. Ohne Gewalt, aber mit Beharrlichkeit.

Nach seiner Ermordung vor 50 Jahren stellten schwarze Pastorenkollegen einer Veröffentlichung folgendes Zitat voran. Es steht in der Josephsgeschichte der Bibel: „Seht, da kommt der Träumer her! Wohlan, wir wollen ihn töten. … Wir werden sehen, was aus seinen Träumen wird.“ Und sie meinten damit: Wie einst bei Joseph wird sich auch jetzt Gott zu diesem Träumer Martin Luther King stellen. Es war nicht umsonst. Martin Luther Kings Traum lebt.

In seiner berühmten Rede am Lincoln-Memorial in Washington, wo er Hundertausenden seine Vision ins Herz gepflanzt hatte, sagte Martin Luther King: „Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg erniedrigt wird. Die rauen Orte werden geglättet und die unebenen Orte begradigt. Und die Herrlichkeit des Herrn wird offenbar werden, und alles Fleisch wird es sehen. Das ist unsere Hoffnung. Mit diesem Glauben kehre ich in den Süden zurück. Mit diesem Glauben werde ich fähig sein, aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung zu hauen. Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, die schrillen Missklänge in unserer Nation in eine wunderbare Symphonie der Brüderlichkeit zu verwandeln. Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, zusammen zu arbeiten, zusammen zu beten, zusammen zu kämpfen, zusammen ins Gefängnis zu gehen, zusammen für die Freiheit aufzustehen, in dem Wissen, dass wir eines Tages frei sein werden.“

Menschen, die von Ostern her glauben, werden wie Martin Luther King fähig sein, „aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung zu hauen“; sie lassen sich nicht entmutigen, sondern sehen das Neue, das möglich ist. Einiges davon zählt der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Rom auf: Anteil nehmen am Leiden anderen. Gastfrei sein, auch dem Fremden gegenüber. Die Kette von Hass und Gewalt unterbrechen.

 

Liebe Gemeinde, liebe Hörerin, lieber Hörer,

wir dürfen den Traum, die Hoffnung, die Paulus angetrieben hat und Martin Luther King und andere, nicht verlieren. Wir müssen sie in uns und uns gegenseitig immer wieder wach rufen. Sie hat ihren Ausgangspunkt im Ostergeschehen und sie behält ihre Kraft in dem Wissen, dass Gott eines Tages alles neu machen wird. Dass es ein Ziel gibt. Einen neuen Himmel, eine neue Erde, wo er selbst alle Tränen abwischen wird und weder der Tod sein wird noch Leid noch Geschrei noch Schmerz. In der Zwischenzeit aber lassen wir uns hineinziehen in diesen Traum, durch unser Leben „aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung zu hauen“.

Es ist nicht umsonst. Wir sind viele und können mit österlicher Hoffnung und Kraft unsere Welt zum Guten verändern. Jede und jeder an dem Ort, an dem sie und er lebt. Paulus hat uns beschrieben, wie es gehen kann. Martin Luther King hat es vorgemacht. Sein Traum lebt. Amen.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

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