„Legt Friedenskleider an!“

Rundfunkgottesdienst aus Wohlen/Schweiz
Gottesdienst
Über die Sendung

Wie Kriegsuniformen aussehen, wissen alle - leider. Doch lässt sich auch eine Friedensuniform vorstellen? In einem Brief aus der frühen Kirche findet diese Vorstellung Nahrung: Aus „Erbarmen, Güte, Demut, Sanftmut und Geduld“ sei das Kleid gewoben, mit dem sich Christinnen und Christen schmücken und wappnen sollen, heißt es im 3. Kapitel des Kolosserbriefs.

Legt Friedenskleider an! – Im Gottesdienst aus dem schweizerischen Wohlen bei Bern interpretiert der rund 50köpfige Chor kraftvolle Friedenshymnen. Der reformierter Pfarrer Daniel Hubacher predigt über die wahrhaft christliche Rüstung, die eben nicht militärisch, sondern sanftmütig ist.

Der Gottesdienst lädt die Gemeinde vor Ort und die Hörerschaft zu Hause zur Anprobe eines solchen Friedenskleides ein. Der Singkreis Wohlen bringt unter der Leitung von Dieter Wagner Teile aus dem Werk „The Peacemakers“ von Carl Jenkins zu Gehör. Und Pfarrer Daniel Hubacher propagiert in Sachen Frieden die Devise „Probieren geht über Studieren“.

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„Sorgt Euch nicht um eure Kleidung!“ – so sorglos können Sie, liebe Hörerin, lieber Hörer sein. Wenn Sie den Gottesdienst mitfeiern, spielt es keine Rolle, ob Ihnen die Pyjamahose oder die Küchenschürze auf der Hüfte sitzt, ob Sie eine Bluse oder ein Spitalhemd tragen, ob Sie im Trainingsanzug oder in der Dienstuniform stecken. Für uns hier in der Kirche spielt es eine Rolle. Wir haben alle heute Morgen einen Moment lang überlegt, was passt für den Kirchgang. Die Auswahl ist gross, seit die Unterscheidung zwischen Sonntags- und Werktagskleidung unscharf geworden ist. Heute darf’s fast immer fast alles sein, hochgeschlossen oder tiefausgeschnitten, Hose oder Rock, Jeans oder Bundfalten. Schöne Freiheit! Dank ihr können wir doch unbeschwert vor dem Kleiderschrank stehen und ohne lang zu studieren einfach das Erstbeste vom Stapel oder vom Bügel nehmen. Schwierige Freiheit! Mit ihr beginnen die Fragen: Will ich auffallen mit meiner Kleidung, oder bloss: nicht abfallen? Will ich betonen oder kaschieren? Muss ich brav sein? Will ich originell sein? Darf ich elegant sein? Wenn Kleidervorschriften gelockert werden, heisst das ja nicht, dass wir gar nicht mehr überlegen, was für ein Bild wir abgeben wollen. Unsere Kleidung ist immer ein Stück Verkleidung. Mit ihr kommunizieren wir. Ob wir mit T-Shirt oder Krawatte daherkommen, im Faltenrock oder im Bikini-Top, auf Stilettos oder auf Birkenstöcken, mit Kopftuch oder mit Kampfstiefel – das sagt etwa aus, über unser ästhetisches Empfinden, unseren Lebensstil oder sogar unsere politischen Überzeugungen. Oft ist uns das gar nicht bewusst. Am besten vertraut mit der Aussagekraft einer Kleidung sind wohl diejenigen unter uns, die sich zu Arbeits- oder zu Vereinszwecken in eine Uniform zwängen. Sie kennen die Wirkungen eines solchen vorgegebenen Kleidungsstücks. Eine Uniform stiftet Zusammengehörigkeit. Sie tut dies, indem sie die Individualität einschränkt. Ein Dienstanzug hilft, sich auf seine Aufgabe zu fokussieren, zu unterscheiden zwischen Privatem und Beruflichem. Eine Uniform signalisiert Zugehörigkeit. In der Kirche, insbesondere in unserer reformierten Kirche in der Schweiz, ist Uniformität klein geschrieben – eine Folge wohl des reformatorischen Postulats, dass jeder Mensch sein eigener Priester sein könne. Meistens freue ich mich darüber, wieviel Individualität unter dem breiten Landeskirchendach Platz hat. Aber gelegentlich wünsche ich mir, es wäre anders. Es wären nicht nur die Frauen und Männer der Heilsarmee auf den ersten Blick erkennbar als Menschen, die sich im Namen Christi für andere einsetzen. Woran erkennt man denn, dass wir, die wir jetzt gemeinsam feiern, uns von der gleichen Botschaft berühren lassen? Was könnten wir tun, damit nicht nur die Vielfalt auffällt, sondern auch die Gemeinsamkeit?

 

Ein Dienstanzug für Christinnen und Christen?

Ich lade Sie ein, jetzt einem über die Schulter zu blicken, der mit ein paar Strichen ein solches Gewand für uns alle entwirft. Die Stimme aus der alten Kirche, auf die wir jetzt hören, gehört vermutlich einem Schüler des Apostels Paulus; jedenfalls beansprucht er seinen Namen und seine Autorität, wenn er einen Brief an die Christengemeinde in der kleinasiatischen Stadt Kolossä schreibt. Im dritten Kapitel des Kolosserbriefs, in den Versen 12 bis 15 schreibt er:

 

„So bekleidet euch nun als von Gott auserwählte Heilige und Geliebte mit innigem Erbarmen, Güte, Demut, Sanftmut und Geduld! Ertragt euch gegenseitig und vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so sollt auch ihr vergeben. Über all dem aber vergesst die Liebe nicht. Darin besteht das Band der Vollkommenheit. Und der Friede Christi regiere in euren Herzen; zum Frieden seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Und dafür sollt ihr dankbar sein.“

 

Es ist ein besonderes Kleid, das uns da präsentiert wird. Ein besonderes Kleid für besondere Menschen. Der Designer betont, dass es eine Ehre ist, dieses Kleid zu tragen. „Als von Gott auserwählte Heilige und Geliebte“ dürft ihr es tragen, sagt er, als Menschen, denen Gott zutraut, dass sie sanftmütig, demütig und gütig sein können. Keine Eignungsprüfung geht voran, sondern ein göttlicher Vertrauensvorschuss: „Du kannst das!“ Der Stoff für dieses Gewand ist also geschenkt. Und er ist edel. Bewundern wir ihn erst einmal, bevor wir gleich nach Alltagstauglichkeit und Wetterfestigkeit fragen! Am besten, wir stellen uns vor, wie das ist, wenn uns jemand mit diesem Stoff berührt. Das ist zum Beispiel: Wenn dir jemand sagt: „Lass dir Zeit“ statt „Mach mal vorwärts“. Oder das ist: Wenn jemand auf dein Versäumnis reagiert mit: „Halb so schlimm – ich will es dir nicht nachtragen.“ Das ist, wenn jemand, mitten in einer hitzigen Diskussion sagt: „Ja, da könntest du recht haben!“ Solche Momente sind kleine Geschenke, oft kaum beachtet, manchmal bewusst genossen. Auf jeden Fall zögern wir nie lange, auf das Angebot einzugehen, welches uns jemand mit seiner Güte macht. So könnten wir das nächste Chorstück auch als Einladung an uns hören. Es nimmt Worte des indischen Freiheitskämpfers Mahatma Gandhi auf.

 

I offer you peace. I offer you love. I offer you friendship.

Ich spende dir Frieden. Ich schenke dir Liebe. Ich biete dir Freundschaft an.

 

I see your beauty. I hear your need. I feel your feelings.

Ich sehe deine Schönheit. Ich höre deine Not. Ich fühle mit dir.

 

My wisdom flows from the Highest Source. I salute that Source in you.

Meine Weisheit schöpft sich aus der höchsten Quelle. Ich grüsse diese Quelle in dir.

 

Let us work together for unity and love .. an eye for an eye leaves the whole world blind.

Setzen wir uns zusammen ein für Gemeinsamkeit und Liebe. Das Prinzip Auge um Auge lässt die Welt blind zurück.

 

 

„Ja gerne“! – anders kann die Antwort doch gar nicht lauten, wenn jemand sagt: „Ich biete dir Frieden an, ich schenke dir Liebe.“ Oder können Sie sich eine Situation vorstellen, wo Sie ein solches Angebot zurückweisen würden, wo Sie sagen würden: „Nein, ich verharre lieber in meiner Enttäuschung als dass ich die Entschuldigung akzeptiere.“ – „Nein, ich nehme die Hand nicht, die mir in einer Geste der Versöhnung entgegen getreckt wird.“ – „Nein, ich reagiere lieber schroff auf Freundlichkeit!“ – „Nein, ich lasse mir Zuwendung nicht gefallen!“

Vielleicht, so überlege ich mir, könnte mich die Angst zu einer solchen Abwehrhaltung verleiten, die Angst vor der Verpflichtung. Mit Freundlichkeit, Zuwendung, Friedfertigkeit bietet mir jemand eine Beziehung an. Der Mensch, der mir so begegnet, möchte mich für sich gewinnen; er wird mich beeinflussen, herausfordern, verändern. Diese Veränderung beschreibt der Verfasser des Kolosserbriefs. „Ihr werdet zu ‚Auserwählten‘, zu ‚Heiligen‘“, schreibt er, „wenn Ihr Euch die göttliche Liebe gefallen lasst.“ Um dieser abstrakten Vorstellung eine konkrete Form zu geben, entwirft er dann eben das Gewand, das er uns hinhält, indem er sagt: „So bekleidet euch nun … mit innigem Erbarmen, Güte, Demut, Sanftmut und Geduld!“

Also: Schlüpfen wir doch mal hinein! Wie fühlt das Christenkleid sich an? Eines merken wir gleich: Das ist keine gepolsterte Weste, die uns vor Verletzungen schützt. Mit diesem Anzug riskieren wir etwas. Zum Beispiel: Dass unsere Gutmütigkeit ausgenützt wird. Oder: dass unser Idealismus böse Dämpfer bekommt. Oder: Dass wir als naive Gutmenschen belächelt werden. Es ist zu befürchten, dass dieses Kleid im rauen Wetter Schaden nimmt. Was ich auch merke, wenn ich mir den edlen Stoff überstreife: Diese Kleidung ist nicht massgeschneidert. Hier engt sie ein – hier, wo meine Besserwisserei sitzt. Da juckt sie – da, wo meine Ungeduld mich ich Bewegung hält. Und dort ist sie zu weit geschnitten – dort, wo mein Verständnis geschrumpft ist. Auf einmal komme ich mir bei der Anprobe vor wie im Kleidergeschäft, wo ein eifriger Verkäufer mich einkleidet, dass ich mich vor dem Spiegel kaum noch wiedererkenne. Dann sage ich: „Das bin nicht ich – das ist jemand aus dem Modekatalog.“ „Erbarmungsvoll, gütig, demütig, sanftmütig, geduldig – das bin nicht ich!“ Der Gedanke taucht unweigerlich auf, wenn wir das Kleid anprobieren, welches der Verfasser des Kolosserbriefs entwirft. Und was passiert dann? Geben wir es ihm mit verlegenem Lächeln zurück? Oder sagen wir: „Ich probiere es noch ein bisschen aus“? Letzteres tun wir, wenn wir Gottesdienst feiern. Hier probieren wir Haltungen aus, die wir von Natur aus nicht einfach so haben. Dabei darf es heiter zu und her gehen, wie in einem Kostümverleih, wo man einander Überraschendes vorführt: „Schau mal – ich: am Teilen, wo ich sonst doch so gerne horte!“ – „Schau mal – ich: am ruhig Dasitzen, wo ich sonst doch immer aktiv sein muss!“ – „Schau mal – ich: am Klagen, wo ich mich sonst doch zusammenreisse!“ – „Schau mal – ich: am Beten, wo ich mich sonst doch lieber bitten lasse!“

Der Chor zieht sich nun das Bet-Gewand an. Es könnte auch das Bettgewand sein – vielleicht sogar der Einteiler aus frühen Kindertagen, als ein Abendgebet geholfen hat, mit dem Geschehen des Tages und mit den Ängsten der Nacht Frieden zu schliessen. In Karl Jenkins’ „Peacemakers“ kommt auch ein Abendgebet vor. In deutscher, sinngemässer Übersetzung lautet das englische „Evening Prayer“:

 

Mit Frohbotschaft aus alten Zeiten,

die Evangelisten mir das Bett bereiten.

Bevor ich mich zum Schlafen lege,

Geb‘ ich dem Herrn die Seel‘ in Pflege.

 

Bei meinem Bett, in jede Ecke

zu Engeln hin ich mich ausstrecke.

Treu stehn‘ sie mir bei Kopf und Fuss,

auch dann, wenn ich mal sterben muss.

 

Auf blauem Meer und grüner Flur

bin ich des Schöpfers Kreatur,

und wird‘s mir plötzlich angst und bang –

mein lieber Jesus, hilf mir dann.

 

Christus – der Zweig an dem ich blühe,

oh Gott, bescher mir Freud’ nebst aller Mühe.

Und gibt‘s nach dieser Nacht für mich kein Morgen,

bleib ich dennoch in dir geborgen.

 

 

Gottesdienst als Kostümverleih, wo heiteres Ausprobieren möglich ist – mir gefällt diese Vorstellung, nicht zuletzt darum, weil ein Kostümverleih es erlaubt, die Kleider auszuführen. Malen wir uns doch aus, was passieren könnte, wenn wir das beschriebene Kleid, dieser christliche Dienstanzug, nicht beim Kirchenausgang wieder abgeben! Stellen wir uns vor, wir gehen mit Sanftmut durch die Nachbarschaft, mit Erbarmen durch die Stadt, mit Geduld an die Familienzusammenkunft, mit Demut an die Sitzung. Oder mit Geduld an die Arbeit, mit Sanftmut auf die Autobahn, mit Güte in die Verhandlung, mit Demut ins Pflegeheim. Oder mit Sanftmut in die Schulstube, mit Geduld in die Kantine, mit Erbarmen ins Konzert, mit Demut in die Versammlung oder … mit Güte vor den Spiegel.

Niemand wird uns etwas ansehen, aber viele werde uns etwas anmerken – erleben, wie dieses Kleid das Beste von uns zum Vorschein bringt.

Uniformträger erzählen, dass man sich ziemlich leicht an eine Uniform gewöhnen kann. Dass man zwar nicht immer gleichviel Lust hat, sie zu tragen, aber dann halt sagt: „Es gehört einfach dazu.“ Ja, es gehört einfach dazu, zum Christsein. Dass wir das göttliche Zutrauen ernst nehmen. Dass wir immer wieder versuchen, uns als „von Gott auserwählte Heilige und Geliebte“ zu sehen. Dann kann uns seine Güte befreien zur Grosszügigkeit und sein Erbarmen zur Barmherzigkeit. Und dann ist auch: Scheitern erlaubt.

Vom Band, welches das Gewand zusammenhält, habe ich ja jetzt noch gar nicht geredet: „Über all dem aber vergesst die Liebe nicht. Darin besteht das Band der Vollkommenheit“, heisst es in unserem Brief-Ausschnitt. Dieses Band ist Gottes Geschenk; mit ihm führt er uns nicht am Gängelband, sondern am Rettungsseil, in der Hoffnung, dass wir sein Zutrauen beherzigen. Er bewahrt seinen Glauben an uns und hofft, dass wir ihn erwidern.

Dies tun wir, indem wir mit ihm im Gespräch bleiben – mit eigenen Worten oder mit Worten, die wir aus dem reichen Schatz unserer Tradition schöpfen dürfen. Mit solchen Worten möchte ich die Predigt abschliessen. Sie stammen von einem, dem der christliche Dienstanzug auf den Leib geschneidert war. Franz von Assisi ermuntert uns, ihm – mindestens ein bisschen – nachzuleben, und ihm das nachzubeten, was wir zuerst deutsch gesprochen und dann englisch gesungen hören:

 

Friedensgebet des Franziskus von Assisi

 

O Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens:

dass ich Liebe übe, wo man sich hasst,

dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt,

dass ich verbinde, da wo Streit ist,

dass ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum herrscht,

dass ich den Glauben bringe, wo der Zweifel drückt,

dass ich die Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält,

dass ich dein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert,

dass ich Freude mache, wo der Kummer wohnt.

Ach Herr, lass du mich trachten, nicht dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste,

nicht dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe, nicht dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.

Denn, wer da hingibt, der empfängt,

wer sich selbst vergisst, der findet,

wer verzeiht, dem wird verziehen,

und wer da stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.

 

 

Amen.

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