Mut

Gospelgottesdienst aus der Petrus-Jakobus-Kirche Karlsruhe
Gospelgottesdienst aus der Petrus-Jakobus-Kirche Karlsruhe
Über die Sendung

In Karlsruhe klingt ein ganzes Wochenende lang Gospelmusik. Tausende Sängerinnen und Sänger sind in der Stadt zu sehen und zu hören: auf öffentlichen Plätzen, in den Messehallen und live im Deutschlandfunk aus der evangelischen Petrus-Jakobus-Kirche.

 

Ein kleines, sehr feines Ensemble unter der Leitung von Kirchenmusiker Christoph Georgii lässt moderne Gospelmusik im Gottesdienst erleben. Die Wurzeln des Gospel sind hörbar „schwarz“, der ganze Mensch kommt beim Singen in Bewegung. Das Ensemble verbindet diese Wurzeln mit musikalischen Traditionen Europas. Inhaltlich steht im Mittelpunkt die heilsame Botschaft, dass Gott da ist, in den Tiefen und Höhen des Lebens. Das hat Gospelmusik von Anfang geprägt. In der Spiritualität der Schwarzen war Gospel immer beides: Mit Musik und Gesang konnte man sein - auch leidvolles - Leben ausdrücken und Gospel hat Menschen stark gemacht, sich nicht zu beugen, sondern mutig und widerständig zu sein.

 

Die Liturgie dieses musikalischen Gottesdienstes gestaltet Pfarrer Wolfgang Scharf, die Predigt hält Dekan Dr. Thomas Schalla. Sein Thema ist - wie in der Musik - „Mut“. In sehr vielen Situationen braucht es heute Mut: Ohne Mut kann man kaum wacher Zeitgenosse sein, es braucht Mut beim Altwerden und ohne Mut kann man nicht mehr Christin und Christ sein, weil Christsein nicht mehr selbstverständlich ist.

 

Die Petrus-Jakobus-Kirche ist selbst Ausdruck von Mut und Risikobereitschaft: Die jüngste Kirche in Karlsruhe, ganz neu gebaut, gerade ein Jahr eingeweiht. Sie soll mehreres zugleich sein: Zentrum für die christliche Gemeinde und Mitte für den Stadtteil. Zum Neubau gehört darum auch ein öffentliches Café und Begegnungszentrum.

 

 

Gottesdienst nachhören

 

Den Gottesdienstmitschnitt finden Sie auch direkt unter http://www.deutschlandradio.de/audio-archiv.260.de.html?drau:broadcast_id=122

Predigt zum Nachlesen

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, hier in der Kirche und am Radio,

 

Mut kann man immer brauchen. Als ich ein kleiner Junge war, war ich ein ziemlicher Angsthase. Meine Eltern haben mich vermutlich als vorsichtigen und schüchternen Jungen beschrieben, wenn sie mit anderen über ihre Kinder gesprochen haben.

Ich wäre damals gerne ein richtiger Draufgänger gewesen: auf die höchsten Bäume geklettert oder hätte mich gern mit den Jungs von gegenüber angelegt. Aber so einer war ich nicht. Es hat gedauert, bis ich mich mal was getraut habe.

 

Wenn ich heute als Christ und als Zeitgenosse in die Welt schaue, könnte einem noch immer angst und bange werden. Konflikte, wo man hinsieht; das Klima verändert sich auch in Europa; die politischen Aufgaben werden größer und die Sehnsucht nach einfachen Antworten und starken Führern wächst.

Mittlerweile bin ich mutiger geworden. Heute sage ich: wir haben vieles selbst in der Hand. Wir können die Welt verändern und zu einem besseren Ort machen.

 

Der Apostel Paulus war ein mutiger Mann und ein Ermutiger der christlichen Gemeinden. Mich beeindruckt, wie unerschrocken er sich auf den Weg in fremde Welten gemacht hat, um die frohe Botschaft zu den Menschen zu bringen. Der erste Missionar der Christenheit war damit auch so etwas wie der erste Gospelpionier.

 

Im ersten Korintherbrief schreibt Paulus an seine Gemeinde. Er hatte sie selbst auf seinen Missionsreisen gegründet. Viele bekannte biblische Motive tauchen in diesem Brief auf. Glaube, Liebe, Hoffnung nennt er als christliche Kardinaltugenden in seinem Brief, er verankert das Abendmahl im Leben Jesu und im Leben der Gemeinde; die Rolle von Frauen und Männern wird ebenso diskutiert wie die Konflikte zwischen unterschiedlichen theologischen Strömungen in der Gemeinde. Es gibt viel zu klären in Korinth. Am Ende des Briefes aber macht er seiner Gemeinde Mut für das Leben in der Welt und in der Gemeinde; er schreibt:

„Steht im Glauben; seid mutig und stark; alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen.“

 

Glaube, Mut und Liebe gehören für den Apostel zur christlichen Existenz. Für die öffentliche Kirche heute und für das Leben der Gemeinde damals war der Mut wichtig, um den Glauben und die Liebe auf die Straßen und in die Häuser zu bringen.

Mut brauchen heute Junge wie Alte. Jugendliche machen sich auf in den offenen Horizont ihres Lebens, sie müssen mutig sein und ihren eigenen Weg finden. Alte Menschen brauchen Mut, das Leben anzunehmen, auch wenn man die eigenen Knochen immer mehr spürt.

In der Mitte des Lebens braucht es Mut, seinen Mann oder seine Frau in Beruf, Familie und Partnerschaft zu stehen.

 

Unsere Welt braucht mutige Menschen, die sich für Gottes Perspektive einsetzen: Demonstranten, die dem erstarkenden Rechtspopulismus entgegentreten wie jüngst in Chemnitz; Schüler, die sich für das Verbot von Schusswaffen öffentlich stark machen wie in den USA; Politiker, die die Grenzen für Geflüchtete öffnen wie in Spanien. Kirchen, die sich an die Seite der Armen in unserem Land stellen – wie es an vielen Orten in Deutschland in den Vesperkirchen geschieht. Damit macht man sich nicht nur Freunde. Aber auch so kommt die Freundlichkeit Gottes in die Welt und wir werden zu Gospelbotschafterinnen und -botschaftern.

 

Seid mutig und stark! Der Apostel Paulus mutet uns etwas zu, aber er stellt uns damit auch an Gottes Seite. Die Welt damals war in Korinth auch nicht so einfach. Die Gemeinde stand einer kritischen bis feindlichen Umwelt gegenüber. Es gehörte Courage dazu, sich zu zeigen und zu Christus zu bekennen. Wir wissen, dass Christen mancherorts um Leib und Leben fürchten mussten. Wir sind heute wieder auf einem Weg in eine Minderheitenkirche. Noch zählen die großen Kirchen viele Menschen, aber immer mehr kehren uns den Rücken zu. Für den Glauben einzustehen, sich zur Kirche zu halten, sich für die Botschaft Jesu einzusetzen – das ist nicht mehr selbstverständlich. Es gehört wieder Mut dazu, an der Werkbank oder im Büro dazu zu stehen, dass man z.B. sonntags in den Gottesdienst geht.

 

Aber wer heute hier den Gottesdienst mitfeiert, in der Kirche oder im Radio, der weiß, dass der Glaube Spaß macht und Kraft gibt. Das hängt auch mit der Musik zusammen.

Gospel ist ein anderes Wort für die gute Nachricht, ein anderes Wort für das Evangelium von Jesus Christus. Wir feiern in Karlsruhe an diesem Wochenende den internationalen Gospelkirchentag. Es ist auch eine gute Nachricht zu erleben, wie ansteckend der Glaube ist, wenn man miteinander singt. Ich erlebe die Gospelsongs heute Morgen als ein starkes und ein fröhliches Bekenntnis zum Glauben. Sie verbinden mich über die Grenzen von Konfessionen, Alter oder Einkommen hinweg mit den anderen Pionieren der frohen Botschaft. Und sie haben politische Konsequenzen: Die Songs erinnern daran, dass Gott die Menschen zur Menschlichkeit berufen hat.

 

Der Gospelkirchentag ist ein großes Fest und gleichzeitig macht er Christinnen und Christen Mut, sich einzumischen in die Diskussionen unserer Zeit. So wie die Musik an diesem Wochenende auf vielen Bühnen mitten im Leben unserer Stadt zu hören war, so sollen wir Christen rausgehen zu den Menschen; auf die Straßen und Plätze – mit der Ermutigung des Apostel Paulus als Rückenwind. Wir machen das fröhlich, - auch wenn die Schwierigkeiten nicht kleiner werden zwischen den Menschen und den Nationen.

 

Seid mutig und stark! Das geht, wenn ich mich auf Gottes Stärke verlasse, um an meinem Platz öffentlich für die Perspektive Gottes einzutreten. Das hat Tradition. Die christlichen Kirchen haben historisch immer wichtige öffentliche Aufgaben in Europa wahrgenommen. Unser Zusammenleben wäre ärmer und kälter, gäbe es nicht die Christen in Gemeinden, Werken und Diensten, die den Menschen im Nahbereich und in besonderen Lebenssituationen beistehen. Gottesdienste, Religionsunterricht, Altenheime, Pflegeheime, Krankenhäuser, Beratungsstellen, diakonische Hilfen, Kindertagesstätten, Bildungsarbeit – Christinnen und Christen sind in Gemeinden und Kirchen ein wesentlicher Teil unserer Zivilgesellschaft und ein Wärmestrom für das Zusammenleben in unserer Stadt.

 

Mutig zu sein – das heißt für mich deshalb auch unerschrocken an der öffentlichen Aufgabe der Kirchen in der Welt festzuhalten. So wie es hier in Karlsruhe die Petrus-Jakobus-Gemeinde täglich tut. Ihre neue Kirche steht auf dem Marktplatz des Stadtteils. Wenn die Bürgerinnen und Bürger am Samstagvormittag hier ihren Käse, ihr Brot und den Sonntagsbraten einkaufen, tun sie das im Schatten ihrer Mauern. Die Kirche ist so ein beredtes Zeugnis dafür, dass Gott mitten im Leben an der Seite der Menschen steht.

 

Der Apostel macht mir Mut, so mittendrin im Leben über Gott zu sprechen und Orte zu bewahren, die mit Gott in besonderer Weise verbunden sind. Paulus möchte, dass der Glaube gelebt wird und erfahrbar bleibt; damit er als Sauerteig in die Gesellschaft hineinwirken kann.

 

Dafür braucht es Menschen, die sich von Gott ermutigen lassen. Christinnen und Christen, die hinausgehen, sich zeigen, erkennbar werden. Christinnen und Christen, die den Menschen in der Nachbarschaft Wegweiser für die Liebe Gottes werden können. Diese Christinnen und Christen müssen keine Supermänner (und Superfrauen) sein. Es sind ängstliche ebenso darunter wie unerschrockene Typen. Denn der Mut kommt nicht aus uns selbst. Er ist keine religiöse Leistung. Er wird uns geschenkt von Gott. Und wem der Mut unterwegs ausgeht, der kann sich an Christinnen und Christen neben sich wenden, die mit unterwegs sind als Zeuginnen und Zeugen Jesu. Wir tragen und stärken uns dann gegenseitig.

 

„Steht im Glauben; seid mutig und stark; alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen.“ Gott braucht dafür jeden von uns.

Amen.

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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