Silbersee – Ein Wintermärchen

Theatergottesdienst aus der Auferstehungskirche Pforzheim
Evangelischer Rundfunkgottesdienst

Foto: Heinz Majewski

Über die Sendung

Im Theatergottesdienst aus der Auferstehungskirche Pforzheim kommen sich Theater und Kirche sehr nah. Diese Nähe gelingt, wenn beide die Sorge um den Menschen zu ihrer Sache machen. Pfarrerin Dorothea Patberg und Intendant Thomas Münstermann vom Theater Pforzheim stellen die Oper „Der Silbersee“ von Kurt Weill und Georg Kaiser in den Mittelpunkt des Gottesdienstes.

1933 wurde die Oper unmittelbar nach der Uraufführung von den Nazis verboten. Und seither kaum je gespielt. Im Gottesdienst bringen Solisten des Theaters die wichtigsten Arien der Oper zu Gehör. Kontrastiert werden sie mit Texten aus Jesu Bergpredigt und dem Matthäus-Evangelium. Pfarrerin Patberg spürt in ihrer Predigt den biblischen Bezügen des „Silbersees“ nach. Es zeigt sich, wie intensiv Musiktheater und christlicher Glaube menschliche Grundfragen auf ihre Weise durchleben, bedenken und feiern: Lässt sich Hunger begraben? Wie kann aus Rachegelüsten Versöhnung werden? Kann ein Mensch „übers Wasser gehen“, wenn ihn die Stürme und Untiefen des Lebens ängstigen? Hat man Grund zu hoffen auf eine Zukunft, in der die Schöpfung das wird, was sie sein sollte - gut? Und was kann menschliche Gemeinschaft dazu tun?

 

Die Kooperation zwischen Kirche und Theater hat in der evangelischen Johannesgemeinde eine lange Tradition. Jährlich findet ein Theatergottesdienst statt, nun ist erstmals eine Oper Anlass zum „Gespräch“ zwischen Theologie und Kultur im Gottesdienst.

 

Mitwirkende:

Pfarrerin Dorothea Patberg und Lektor*innen der Gemeinde, Intendant Thomas Münstermann, Projektchor ChoRegio (Leitung: Kantor Wolfang Bürck), Solisten: Stamatia Gerothanasi, Philipp Werner u.v.a., Chor des Theaters Pforzheim (Musikalische Leitung Florian Erdl)

 

Gottesdienst nachhören

 

Den Gottesdienstmitschnitt finden Sie auch direkt unter http://www.deutschlandradio.de/audio-archiv.260.de.html?drau:broadcast_id=122

Predigt zum Nachlesen
 

Liebe Gemeinde, liebe Hörerin, lieber Hörer!

 

Kann man über diese Oper predigen? Ja!

Spannend finde ich, wie viel biblische Anklänge sich hier finden.

Großen Menschheitsthemen werden angesprochen:

Die Kluft zwischen Reichen und Armen. Schuld und Vergebung. Verzweiflung und Hoffnung.

Und sie werden in der Oper so eindrucksvoll am Einzelschicksal dargestellt, dass jeder sich hineindenken kann.

 

Schuld. Habe ich schon mal große Schuld auf mich geladen?

Nun – ich lebe ja als Christin und versuche, mich an die 10 Gebote zu halten.

Trotzdem gibt es Situationen, in denen ich schuldig geworden bin, ohne es zu wollen.

Kann man schuldig werden ohne bewusste Absicht?

Es gibt viele Berufe, die Menschen in Konflikte bringen. Mit dem, was sie selbst für richtig halten und dem, was sie tun müssen. Der Beruf des Arztes, der Beruf des Polizisten, des Soldaten, zum Beispiel. Im Geschäftsleben gibt es das auch.

 

In der Oper ist es der Polizist Olim, der ja nur seine Pflicht tut, als er einen Dieb stellen will und ihn dabei anschießt.

War sein Handeln in Ordnung?

Hat er sich zu etwas drängen lassen, was er gar nicht wollte?

Olim plagen Gewissensbisse! Und er versucht, seine Schuld wiedergutzumachen. Allerdings: im Geheimen. Er will nicht offen zu seiner Schuld stehen – und das macht die Sache kompliziert.

Er tut zwar dem, den er angeschossen hat, viel Gutes. Er nimmt ihn bei sich auf. Aber er lebt dennoch in Angst, weil er die Rache weiterhin fürchten muss.

 

Das ist ein Problem: wer nicht zu seiner Schuld stehen kann, kann sich auch nicht versöhnen. Das gilt zwischen Menschen. Aber es gilt auch zwischen Mensch und Gott.

Es ist eine der Grundbotschaften der Bibel: wer seine Schuld bekennt, kann Vergebung erfahren. Kann Versöhnung erleben.

Wie fundamental wichtig das ist, erkennen wir daran, dass es uns im Vaterunser, dem Grundgebet der Christenheit, täglich nahe gelegt wird:

Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Mit diesem Gebet können wir Rache begrenzen. Wie kann das gelingen?

 

In der Oper ist es Severin, der die unheilvolle Wirkung von Rachegedanken erlebt. Er leidet darunter. Er singt davon, dass es in ihm wuchert wie ein Geschwür.

Und doch sucht er nach einer Möglichkeit, aus diesem zerstörerischen Gefühl herauszukommen. Er legt sich selbst Fesseln an. Erstaunlich!

Er ringt mit sich selbst so lange, bis es ihm möglich wird, zu verzeihen.

Damit handelt er überraschend – und ganz im Sinne der Bergpredigt Jesu. Die Bergpredigt hebt die alten Regeln auf und setzt neue, menschenfreundliche Regeln.

„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage euch...Liebet eure Feinde!“, so heißt es bei Jesus.

 

Man könnte auch sagen: die Bergpredigt zeigt uns, wie man die alten Gebote wirklich erfüllen kann. Denn das Herz aller Gebote ist die Liebe!

Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst. Du sollst sogar deinen Feind lieben. Denn letztlich sind alle Menschen Kinder des einen Vaters im Himmel.

Wer liebt, kann sich versöhnen – auch wenn es manchmal sehr schwer fällt. Liebe ermöglicht Leben.

 

Eine Geschichte von heute hat mich persönlich sehr berührt: Ein Mann im mittleren Alter erfährt, dass seine Mutter im Sterben liegt und ihn noch sehen möchte.

Nun hat dieser Mann bereits seit vielen Jahren den Kontakt zu seiner Mutter abgebrochen, da sie ihn als Kind misshandelt hatte. Als Erwachsener hat er sich dann ein eigenes Leben aufgebaut und die Vergangenheit so gut als möglich verdrängt. Soll er nun auf dem Sterbebett mit seiner Mutter reden? Wozu? Wem hilft‘s?

Einem inneren Impuls folgend, fährt er dennoch zu ihr. Aber er nimmt sich vor:

Ich sage kein einziges Wort!

Ein langes Schweigen ist also das erste, was geschieht. Aber dann beginnt die Mutter zu sprechen und erzählt, unter welchen Nöten sie ihren Sohn aufziehen musste. Welche Fehler sie dabei gemacht habe und dass sie es bitter bereue.

Zuerst bleibt der Sohn ungerührt.

Erst nach und nach gerät auch in diesem Mann etwas zu fließen, wie wenn Eis schmelzen würde. Die Liebe, die zu einem Eisblock geronnen war, um den Schmerz nicht zu fühlen, diese Liebe beginnt zu fließen. Und mit ihr kommt die Versöhnung.

 

Was in der Oper am individuellen Schicksal zweier Menschen gezeigt wird, ist ein Hinweis auf weit mehr.

Wir hegen eine großartige Hoffnung: Die Hoffnung auf eine solidarische Welt, in der sich ehemalige Feinde in Freunde verwandeln. Eine Welt, in der Menschen gemeinsam, versöhnt, Hand in Hand in eine friedliche und solidarische Zukunft aufbrechen,.

Auch im weltweiten politischen Kontext können wir nur dann Frieden schaffen, wenn die Bereitschaft zur Vergebung und Versöhnung – und zuvor zum Eingeständnis von Schuld – vorhanden ist. Denken wir z.B. an Deutschland und Frankreich, Deutschland und Polen.

 

Ehe ich weiterspreche, singen wir von dem Lied 409 die Strophen 1 bis 4: Gott liebt diese Welt.

 

 

Ein faszinierendes Schlussbild steht am Ende der Oper:

Severin, der Dieb, und Olim, der Polizist, versöhnen sich. Sie brechen gemeinsam auf in eine unbekannte Zukunft. Und sie erleben ein Wunder: der Silbersee friert mitten im Frühling zu und gibt ihnen den Weg frei. Sie können über das Wasser gehen. Sie können neue Hoffnung schöpfen für die Zukunft. Eine menschliche Zukunft, bei der Opfer und Täter, Verfolger und Verfolgter Hand in Hand gehen.

 

Dieses Bild erinnert mich an eine andere Person, die über das Wasser gehen konnte – zumindest zeitweise. Petrus.

Petrus ist mit den anderen Jüngern in einem Boot auf dem galiläischen Meer.

Es ist Nacht und plötzlich sehen sie Jesus auf dem Meer gehen.

Da erschrecken alle zutiefst und schreien vor Angst: ein Gespenst!

Aber Jesus spricht sie an und beruhigt sie: Seid getrost, ich bin es! Fürchtet euch nicht.

Und da erwacht in Petrus der Mut:

Herr, wenn du es bist, dann befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser! Tatsächlich sagt Jesus zu ihm: Komm!

Und Petrus steigt aus dem Boot und geht auf dem Wasser zu Jesus.

Aber plötzlich sieht Petrus den starken Wind und erschrickt und beginnt zu sinken.

Herr, rette mich, schreit er.

Und Jesus streckt seine Hand aus und ergreift ihn. Und sagt zu Petrus:

Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

Und dann steigen sie ins Boot. Und der Wind legt sich.

 

Erstaunlich: Petrus kann über das Wasser zu gehen!

Und doch glaube ich: Jede und jeder von uns kann das!

 

Sobald wir diese Geschichte symbolisch betrachten, gibt sie uns tiefe Einsicht in unser Leben und in unseren Glauben!

 

Denn wer glaubt und vertraut, dass ihn Gottes Hand hält und ihm auch durch die schlimmsten Lebenskrisen hindurch hilft, der kann über das Wasser gehen, auch wenn das Leben hohe Wellen schlägt.

 

Wer den Blick nicht mehr auf Jesus richtet, sondern auf die Nöte und Schrecken um sich herum, der beginnt zu sinken.

 

„Hoffnung lässt nicht zuschanden werden“, ist eines der Bibelworte, das schon vielen Menschen geholfen hat.

 

Persönliche Hoffnung in einer dunklen Realität zu bewahren, fällt nicht leicht.

Darum ist es auch zutiefst menschlich, dass Petrus zweifelt und zu sinken droht.

Es ist Nacht um ihn herum und sicherlich auch in ihm, in seiner Seele.

Da kann man schon mal den Lebensmut verlieren.

 

Mich berührt sehr, dass in dieser Geschichte Jesus seine Hand ausstreckt und ihn aus dem Strudel herauszieht.

Ich höre seine Worte, die manchmal wie ein Vorwurf gelesen werden, eher in einem liebevollen und verständnisvollen Ton:

Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

Dann heißt es: Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich.

 

Ein Bild wie die Arche taucht vor meinen Augen auf.

In dem Moment, da uns die Gefühle des Schreckens und der Angst bedrängen, da kommt von außen her – von Gott selbst – die Rettung.

Die inneren Stürme legen sich, Zuversicht keimt auf.

 

Ein spirituelles Bild wird uns hier vor Augen gemalt – sowohl in der biblischen Geschichte als auch in der Oper von Kurt Weill.

 

Wir werden nachher die Schlussarie hören, die den Verzweifelten Mut machen soll.

 

Oftmals ist es gerade Musik, die uns tröstet. Z.B. die wunderbare Musik eines Johann Sebastian Bach. Oder das alte Lied, das der Kaufmann Johann Friedrich Räder in einer existentiellen Notlage dichtete:

 

„Harre meine Seele,

harre des Herrn!

Alles ihm befehle,

hilft er doch so gern.

Sei unverzagt,

bald der Morgen tagt

und ein neuer Frühling

folgt dem Winter nach.

In allen Stürmen, in aller Not,

wird er dich beschirmen,

der treue Gott.“

 

Die Oper schildert am Ende nichts weniger als ein Wunder.

Die Schlussarie klingt mild und engelsgleich.

Sie spricht den Verzweifelten Hoffnung zu und ermutigt sie, weiterzugehen. Es heißt:

 

„Wer weiter muss, den trägt der Silbersee.

Euch entlässt die Verpflichtung, weiter zu leben, noch nicht.

Euch erhebt aus Vernichtung eure besondere Pflicht.

 

Berge werden sich glätten,

wie dieses Wasser gerann,

um euren Fortschritt zu retten, der hier am Ufer begann.“

 

So singt Fennimore.

 

Da ist sie, die Vision vom Menschen, der die Schöpfung zu einer besseren Welt hin gestaltet.

Auf dem Silbersee, der sich verwandelt hat, gehen die beiden versöhnten Feinde Hand in Hand der Zukunft entgegen.

 

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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