Über den Berg…

Evangelischer Rundfunkgottesdienst aus der Lutherkirche Düsseldorf
Evangelischer Rundfunkgottesdienst

Bild: Gemeinde der Lutherkirche Düsseldorf

Über die Sendung

„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“ - so sang einst der Liedermacher Reinhard Mey. Aber unter den Wolken, mitten im Leben, ist das mit der Freiheit so eine Sache. Davon singen die Toten Hosen, die Band aus Düsseldorf. „Unter den Wolken wird’s mit der Freiheit langsam schwer“, so lautet ihr Refrain. Im Radiogottesdienst am zweiten Sonntag nach Epiphanias fragt Pfarrer Ralf Breitkreutz in seiner Predigt, was stark macht, wenn es schwer wird.

 

Der Gottesdienst erzählt: Die Kraft zum Leben kommt von Gott. Menschen können erfahren, dass Gott da ist. Gerade wenn sie vor schweren Aufgaben stehen, wenn ein Weg vor ihnen liegt, den sie am liebsten gar nicht angehen möchten. So erging es dem Propheten Elia. Seine Geschichte steht im Mittelpunkt des Gottesdienstes. Wie Menschen von Gott gestärkt und aufgerichtet werden können, darüber spricht Pfarrer Ralf Breitkreutz in seiner Predigt. Durch die Liturgie führen Pfarrerin Manuela Trump und Pfarrerin Anja Valentin.

 

Übertragen wird der Gottesdienst aus der Lutherkirche im Stadtteil Bilk. Wer die Kirche betritt, kommt zunächst in ein großzügiges Foyer. Hier stehen Tische und Stühle und man spürt: hier kommen Menschen zusammen – vor und nach den Gottesdiensten, auch nach Konzerten oder Ausstellungen. Dahinter liegt der große Kirchensaal. Klare Formen, klares Weiß und viel Licht prägen den Raum. Dass Menschen sich gegenseitig begegnen und dass sie Gott begegnen – das ist hier möglich.

 

Die Lutherkirche ist auch ein Ort für Kirchenmusik. Die musikalische Arbeit der Kirchengemeinde bietet Musik mit Kindern und Erwachsenen, sie reicht von der klassischen Kirchenmusik bis hin zu popular-musikalischen Angeboten, von der Musik im Gottesdienst bis zum Konzert mit Chor und Orchester. An diesem Sonntag sind die Kantorei und der Flötenkreis unter der Leitung von Kantor Sebastian Voges beteiligt, die Orgel spielt Uwe Hofmann.

Gottesdienst nachhören

 

Den Gottesdienstmitschnitt finden Sie auch direkt unter http://www.deutschlandradio.de/audio-archiv.260.de.html?drau:broadcast_id=122

Predigt zum Nachlesen
 

Als Predigttext für den heutigen Gottesdienst hören wir die Fortsetzung der Geschichte vom Propheten Elia. Ich lese aus dem 1. Königebuch, Kapitel 19, die Verse 9-13.

 

[9] Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht. Und siehe, das Wort des HERRN kam zu ihm: Was machst du hier, Elia? [10] Er sprach: Ich habe geeifert für den HERRN, den Gott Zebaoth; denn Israel hat deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet und ich bin allein übriggeblieben, und sie trachten danach, dass sie mir mein Leben nehmen. [11] Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR wird vorübergehen. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. [12] Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. [13] Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle.

 

Liebe Gemeinde, liebe Hörerin, lieber Hörer,

„Unter den Wolken“ – so heißt ein aktuelles Lied der Toten Hosen.

Es ist eine Hommage an Reinhard Mey und sein „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“, ein Lied aus dem Jahr 1974. Die Toten Hosen schreiben heute,

„Unter den Wolken / Wird's mit der Freiheit langsam schwer“

Aber auch:

„Unter den Wolken / Geben wir die Freiheit noch nicht her / Weil sie uns heute / Alles bedeutet“

 

An vielen Orten unserer Welt ist es nicht weit her mit der Freiheit. Es herrschen Krieg und Gewalt, Menschen werden verfolgt und unterdrückt. Viele gehen auf die Flucht, weil sie Freiheit und Gerechtigkeit suchen. Sie bedeuten alles für sie. Auf dem Weg haben viele gemerkt, dass sie nicht alleine unterwegs sind. Es gab immer Menschen, auf deren Unterstützung sie hoffen und bauen durften. Selbst, wenn sie auf dem Weg zur Freiheit auf Hindernisse stießen, oder sie dabei durch Krisen gehen mussten.

 

Auf der Flucht ist auch Elia. „ES IST GENUG“, so seufzt Elia. Und er hat auch allen Grund dazu, aufzugeben. Elia- übersetzt: Mein Gott ist Gott. Und für diesen Gott hat sich Elia immer und immer wieder als Prophet abgemüht. Er musste sich abgrenzen zum Gott Baal, dem viele folgten. Elia hat getan, was er konnte, für seinen Gott, für Israel.

Doch diesem Hin und Her des Volkes Israel – Gott ja, Gott nein – macht Elia ein Ende. Es kommt zu einem Wettstreit zwischen Gott und Baal am Karmel.

Hierbei stellt sich Baal als Verlierer heraus, und Elia lässt die Priester des Baal am Karmel töten. Darauf bekennt das Volk: „Der Herr ist Gott, der Herr ist Gott.“

Elia – himmelhochjauchzend, doch im nächsten Moment, zu Tode betrübt, denn Isebel will sich an Elia für den Massenmord rächen. Sie ist die heidnische Frau von Ahab, dem König des Nordreiches Israel. „So wahr ich Isebel heiße, morgen bist du ein toter Mann.“ Viele andere Propheten wurden bereits von Isebel getötet. Nur Elia war übrig. Er hatte sich stets auf Gott verlassen. Doch jetzt sieht die Sache anders aus. „Elia fürchtete sich, machte sich auf und lief um sein Leben.“ Die nackte Angst ums Überleben treibt ihn in die Flucht.

 

Das 9. Jahrhundert vor Christus, in dem Elia wirkte, das ist längst Vergangenheit! Doch eins verstehen viele wohl heute noch gut, knapp 3.000 Jahre später. Was es bedeutet, wenn Menschen auf der Flucht sind. Entweder, weil sie es selbst erlebt haben oder weil sie Menschen kennen, die als Geflüchtete hier sind.

Elia läuft und bricht zusammen, wünscht sich sogar zu sterben und sagt: „Es ist genug, Herr, nimm jetzt meine Seele.“…

 

Unter den Wolken wird’s mit der Freiheit manchmal schwer. Dafür stand ja der Gott Elias, der Gott Israels: Dass er Menschen befreit.

Gott hatte sein Volk aus Ägypten in das gelobte Land geführt, damit es dort in Freiheit leben konnte. Gottes Gebote sollten die Freiheit bewahren. Gott allein sollte sie schützen.

Für solche Freiheit lohnte es sich zu streiten. Sie bedeutete alles. Auch für Elia. Der Mord an den Baalspriestern hat nicht die Lösung gebracht. Für Elia nicht, aber auch nicht für die Israeliten. Gewalt hat damals schon nichts anderes als Gegengewalt hervorgerufen. Keinen Frieden. Und keine Freiheit. Sondern Angst und Verfolgung und Verzweiflung. Und da verlässt Elia die Kraft.

Elia gibt auf. Isebel hat ihr Ziel erreicht. Er will nicht mehr leben. Für Gott? Für Israel? Für die Freiheit, für Gottes Sache kämpfen? Lohnt das noch? Er legt sich hin unter einen Ginsterstrauch und schläft. Er ist durch die Strapazen nicht nur lebensmüde, sondern auch gottesmüde geworden. Dass Gott immer bei ihm ist, ihm zur Seite steht und ihn tröstet, merkt Elia nicht.

 

Zu ihm kommt ein Engel, er rührt ihn an, aber er spricht keine tröstenden Worte, lediglich: „Steh auf und iss!“ Elia bekommt das geboten, was er in der Wüste braucht, Brot und Wasser, und er erfährt, er ist nicht allein. Aber er legt sich trotzdem wieder schlafen. Wozu aufstehen? Wozu essen? Alles ist doch sinnlos, meine Arbeit hat nichts bewirkt. Alles bleibt beim Alten! So könnte Elia denken. Und vielleicht denken auch wir hin und wieder so und verschlafen unsere Chancen. Gott kennt uns und unsere Krisen. Und er weiß, wohin wir fliehen und warum. Weil’s mit der Freiheit mal wieder schwer wird. Oder weil Angst oder Trauer auf uns lasten. Ganz gleich, wohin uns unsere Resignation auch treibt, seine Hilfe steht schon bereit.

 

 

Vor einiger Zeit war ich mit meinem Sohn in einem Outdoorladen, um mit ihm einen Rucksack für einen Wanderurlaub zu kaufen. Damit man testen konnte, wieviel Gewicht einem erträglich erscheint, waren Gewichte im Geschäft ausgelegt, die man in den Rucksack packte.

Wieviel kann ein Mensch tragen, wenn er sich auf den Weg durch sein Leben macht. Was belastet mich? Was ist zumutbar? Was ist erträglich?

 

Edmund Hillary, der neuseeländische Erstbesteiger des Mount Everest hatte auch einen Berg vor sich, dessen Gipfel er erreichen wollte. Ein großes Ziel mit einem anstrengenden und kräftezehrenden Weg lag vor ihm. Mehrere Menschen vor Hillary hatten dieses Ziel angesteuert- mussten aber aufgeben, weil der Weg zu anstrengend war oder der Sauerstoff knapp wurde. Edmund Hillary war nicht alleine auf seinem Weg zum Gipfel des Berges. Er hatte einen Bergsteiger bei sich, der ihm half, das Gepäck den Berg hoch zu tragen. Es war der nepalesisch-indische Sardar Tenzing Norgay, Angehöriger des Volkes der Sherpa. Ohne diesen Träger hätte Hillary sein Ziel nicht erreichen können. Und beide betonten immer wieder, dass die Besteigung das Werk eines Teams war.

 

Immer wieder stehen auch wir vor Bergen unseres Lebens. Manche scheinen unüberwindbar. Manche zu steil, manche zu hoch. Schnell kann einen da Mutlosigkeit oder Antrieblosigkeit überkommen. Das merkt man manchmal schon, bevor man sich auf den Weg macht. Manchmal merkt man es auf halber Strecke oder auch erst kurz vor dem Ziel. Da ist es gut, jemanden an der Seite zu wissen, der einem hilft, das schwere Gepäck, das man mit sich durchs Leben trägt, zu teilen. Das, was ich mit anderen teile, ist nur noch halb so schwer.

 

 

In der Bibel ist auch von Bergen und Tälern die Rede, weil es unsere Erfahrung im Leben ist, immer wieder wie vor einem Berg zu stehen, ein Hindernis, das für uns unbezwingbar erscheint. Menschen, die in einer Krise stecken, wünschen sich sehr „über den Berg“ zu sein. In Psalm 121 heißt es: Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt von Gott, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Als wir mit unseren Konfirmandinnen und Konfirmanden unterwegs auf Konfifreizeit waren, haben wir gemerkt, dass „Weglaufen-Müssen / Weglaufen-Wollen“ nicht nur für Flüchtlinge ein Thema ist.

Unter anderem beschäftigten wir uns dort mit der Geschichte von Elia. Damit verbunden die Frage nach Bergerfahrungen. Natürlich vermutet man bei 14jährigen nicht, dass ihre Berg- oder Über´n Berg-Erfahrungen groß sind. Doch wir haben uns getäuscht: Manche Kinder und Jugendliche betrauern den Verlust eines lieben Menschen. Sie haben Vater oder Mutter verloren, ein Großelternteil, Schwester oder Bruder, den besten Freund, die beste Freundin. Manche haben Versagensängste. Dann geht es darum, Prüfungen zu bestehen oder den richtigen Ausbildungsplatz zu finden. Wieder andere müssen Trennungen verarbeiten. Hohe Berge, die es oft nicht nur Erwachsenen schwermachen, sie zu überwinden.

Denn jede und jeder hat diese Erfahrungen gemacht: weglaufen und dann vor einem Berg stehen, und sich fragen oder hoffen, „über´n Berg“ zu kommen.

Damit ich frei von Angst oder Trauer leben kann. Damit ich befreit werde von dem, was mich belastet oder runterdrückt. Damit ich Mut habe, die Berge anzugehen, die vor mir liegen. Und ich möchte spüren, dass ich Kraft bekomme, damit ich nicht aufgeben muss, sondern neue Schritte machen lerne. Und ich möchte dabei herausfinden, was ich dazu brauche. Mag sein, dass es unter den Wolken mit der Freiheit nicht so leicht ist. Kann ich andere bitten, mir zu helfen, das aufzuteilen, was mich belastet und unfrei macht?

 

Und Elia? Er isst und trinkt und entdeckt, dass Gott noch nicht mit ihm fertig ist, und darum lässt er sich helfen. Womöglich anders, als er erwartet hat. Denn Gott ist nicht im Feuer, nicht im Erdbeben, nicht im Sturm. Nicht in dem einen Gewaltakt, der befreit. Sondern Gott ist im stillen, sanften Sausen. Auf diesen Weg will Gott führen, über alle Berge hinweg. Und er sorgt dafür, dass niemand sich dabei aufgeben muss:

Der Engel Gottes kommt ein zweites Mal zu Elia: „Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir!“ Endlich merkt er, dass Gott zu ihm spricht. Nun wartet Elia nicht länger. Durch Wasser und Brot gestärkt, geht er 40 Tage und 40 Nächte durch die Wüste zum Berg Gottes.

Und dort, wo Elia nun hingeht, ist Gott schon da. Das könnte heißen: Gott führt uns auf den Weg ihn zu finden. Hilft über die Berge, nimmt uns Lasten ab auf dem Weg dorthin.

Elia findet Gott in der Ruhe, in einem stillen, sanften Sausen. So wird es erzählt.

 

Die Geschichte von Elia hat eine hoffnungsvolle Seite. Denn sie erzählt von Gottes Fürsorge für uns. Mag sein, unter den Wolken wird’s mit der Freiheit manchmal schwer. Mag sein, manche setzen sich heute ein für Männer und Frauen, die geflohen sind. Streiten für eine Freiheit, in der sehr verschiedene Menschen zusammenleben können. Sie erleben Erfolge, aber auch Rückschläge. Oft fühlen sie sich allein gelassen. Mag sein wir sind niedergeschlagen und ausgebrannt, mit Gott und der Welt am Ende. Ganz gleich aus welchem Grund. Aber da steht Gott uns bei. Und auch da begegnen wir Gott. Wenn uns jemand auf unsere Hilfe anspricht. Wenn wir Hilfe brauchen und sie auch annehmen. Wenn uns jemand eine Last abnimmt. Elia hat erfahren – die Begegnung mit Gott, seine Hilfe, sie ist kein Erbeben, kein Feuer und kein Sturm – sondern ein stilles, sanftes Sausen. Es gibt Freiheit, leben zu können und über Berge zu steigen.

 

Elia war am Ende und bekam von Gott neuen Antrieb, zu leben. Denn Elia wurde noch gebraucht. Und er hat am Ende ein Licht auf seinem Weg gesehen.

So wie die Toten Hosen singen: Aus einem kleinen Hoffnungsschimmer kann das größte Licht entstehen.

Amen

 

Es gilt das gesprochene Wort.