„Von Gott geliebt“

Alt-Katholischer Rundfunkgottesdienst aus St. Willibrord in München
Gottesdienst
Über die Sendung

Bei der Taufe Jesu im Jordan bestätigt Gott selbst: Jesus “ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen habe”. In der Predigt spricht Kurat Peter Priller darüber, wie diese Erfahrung der Begleitung und Liebe in jedem Leben Sicherheit und Kraft geben kann. Im Hören der frohen Botschaft und im Teilen von Brot und Wein wird die Zuwendung Gottes erfahrbar und begreifbar. Der Eucharistiefeier steht Pfarrer Siegfried Thuringer vor.

Die alt-katholische Gemeinde in München hat rund 650 Mitglieder aus der Stadt München und den angrenzenden Landkreisen. Sie wird von Pfarrer Siegfried Thuringer geleitet. Kurat Peter Priller betreut ehrenamtlich die Filialgemeinde in Bad Tölz. Er arbeitet hauptberuflich bei der Aidshilfe in München.

Die alt-katholische Gemeinde St. Willibrord in München will ein offener Ort sein, in dem Glaubenserfahrungen ausgetauscht werden können und gemeinsam Glaube erfahrbar wird. Die sonntägliche Eucharistiefeier bildet den Mittelpunkt der Gemeinde, die sich danach in einem Kirchenkaffee trifft. Darüber hinaus werden in Gartenhausgesprächen, Exerzitien im Alltag, Abendgebeten und Meditationen Glaubenserfahrungen möglich gemacht und reflektiert. Diese Angebote werden getragen vom ehrenamtlichen Engagement vieler und sind offen über den Kreis der Gemeinde hinaus. Glauben und Handeln gehören für die Gemeinde zusammen. Das zeigt sie diakonischen Angeboten, vom Eine-Welt-Laden über die Unterstützung von Flüchtlingen bis zum Diakoniefonds. Die Kirche St. Willibrord liegt im Zentrum von München in der Nähe des Sendlinger Tors. Ursprünglich als englische Botschaftskirche im Königreich Bayern geplant, ist sie nun die Kirche der Alt-Katholiken.

Die alt-katholische Kirche entstand ursprünglich als Notkirche. Nachdem 1870 das 1. Vatikanische Konzil das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes verkündet hatte, gründeten sich in den Folgejahren von München ausgehend die ersten von heute ca. 60 alt-katholischen Gemeinden Deutschlands. Sie lehnten den Anspruch des Papstes auf absolute Leitungsgewalt ab und halten an ihrem „alten“ katholischen Glauben fest – daher der Name „Alt-Katholiken“. Dazu gehört beispielsweise die sonntägliche Feier der Eucharistie ebenso wie das Bischofsamt.

Die Alt-Katholiken verstehen sich als katholische Reformkirche. Sie wählen ihre Bischöfe, Pfarrer und auch Pfarrerinnen. 1996 erhielten die ersten Frauen die Priesterweihe; die Geistlichen dürfen heiraten; Geschiedene und Wiederverheiratete und homosexuell lebende Menschen sind in alt-katholischen Gemeinden willkommen. Die alt-katholischen Gemeinden verstehen sich als offene Kirche, die Platz bietet für Suchende und Angekommene, für alle, die auf dem Weg sind. Ökumenische Offenheit zeigen die guten Beziehungen zu den orthodoxen Kirchen ebenso wie die regelmäßigen Gottesdienste, die in München und an anderen Orten mit anglikanischen Gemeinden aufgrund der seit 1931 bestehenden Kirchengemeinschaft zwischen Anglikanern und Alt-Katholiken gefeiert werden. Mit der evangelischen Kirche besteht seit 1985 die gegenseitige Einladung zu Eucharistie bzw. Abendmahl.

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Predigt

Als kleiner Bub, noch keine 10 Jahre alt, steh ich auf kleinen Skiern, eingepackt in Skihose, Anorak, Mütze und Handschuhe oben am Hang. Der Hang kommt mir plötzlich unwahrscheinlich steil vor. Und Buckel sind da drin! O je! Da komm ich nie und nimmer runter. Ich schau mir den Hang genau an. Wo könnte es gehen? Eigentlich nirgends, oben ist es glatt und harschig, dann kommen die bedrohlichen Buckel und das Ganze kommt mir fast so steil und senkrecht vor wie eine Wand. Außerdem zieht der Nebel vom Tal rauf, bedrohlich, dunkel. Verzweiflung macht sich in mir breit. Meine Augen werden feucht, Tränen kullern über mein Gesicht. Mein großer Bruder ist längst unten und lacht. Wie gemein der ist! Und wo ist der Papa? Ich seh ihn nicht, vorhin im Skilift war er noch da. Wenn der jetzt auch schon unten ist, dann gibt es niemanden, der mir hilft. Es dauert eine Zeit, bis ich merke, dass sich eine Hand auf meine Schulter gelegt hat und rechts und links von meinen kleinen Skiern jeweils ein großer Ski zu sehen ist. Papa! Gott sei Dank! Ich bin nicht allein. Und dann fahren wir los, langsam, Pflugbogen für Pflugbogen, der Papa immer ganz dicht hinter mir. So ungefähr in der Mitte des Hangs ist mein Mut wieder da. Ganz unbewusst löse ich mich vom Vater und fahr die zweite Hälfte des Hanges selbstständig hinunter. Unten angekommen bin ich nicht nur froh, dass ich noch lebe, sondern mächtig stolz, dass ich das geschafft hab. Und der Papa sagt: „Das hast du toll gemacht. Du kannst das doch.“

 

Liebe Gemeinde, liebe Hörerinnen und Hörer, ich erzähl Ihnen das, weil diese Erfahrung tatsächlich etwas widerspiegelt, was im Evangelium von der Taufe Jesu angesprochen ist. Wir wissen, was diesem Jesus von Nazareth bevorsteht, wir wissen, wie sein verhältnismäßig kurzes Leben verlaufen wird. Und er wird seinen Weg gehen bis hinauf nach Golgota, bis zum Tod am Kreuz.

 

Alle vier Evangelien berichten von dieser Taufe Jesu im Jordan und von der Stimme des Vaters: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.“ Jesus von Nazareth weiß den hinter sich, den er seinen Vater nennt. Das gibt ihm Sicherheit, nahezu grenzenlose Sicherheit. Aus dieser Sicherheit heraus kann er seinen Weg gehen, bis hin zum bitteren Ende. Ganz am Ende, am Kreuz, in den letzten Minuten seines irdischen Lebens, scheint er diese Sicherheit des Vaters, der hinter ihm steht, zu verlieren: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Die Antwort des Vaters darauf heißt: Ostern, heißt Auferstehung. Gott verlässt ihn nicht. Als Mensch muss er den Tod der Menschen sterben, und das fühlt sich einsam an, gottverlassen. Doch Gott ist da. Der Tod ist nicht das letzte Wort.

Ich liebe dieses Evangelium von der Taufe Jesu. Wie kaum eine andere Stelle im Neuen Testament verbindet es die Erfahrung menschlicher Psyche – in ihrer Größe und in ihrer Abgründigkeit – mit dem, was die Theologie Offenbarung Gottes nennt.

Der theologische Inhalt allein ist ja durchaus sinnvoll: Jesus wird offenbar als der Sohn Gottes. Aber theologische Inhalte allein haben nichts Lebendiges, es sei denn sie beziehen sich auf unser Leben, auf jetzt und heute. Und genau das ist bei den Berichten von der Taufe Jesu der Fall. Jeder Mensch braucht die Zusage, die Jesus hier erhält: Du bist mein geliebter Sohn / meine geliebte Tochter – oder einfach: Du bist geliebt.

Das Fest der Taufe Jesu ist wichtig, um das Kirchenjahr zu verstehen. Alles was jetzt kommt und gefeiert wird, bis Ostern, bis Pfingsten und darüber hinaus, wird sozusagen „legitimiert“ durch Gott selbst, der hinter Jesus von Nazareth steht, seinem geliebten Sohn, an dem er Gefallen gefunden hat. Das Ganze wäre aber sinnlos und hätte mit uns und der Welt nichts zu tun, stünde Gott nicht auch hinter jedem Menschen, ja hinter seiner ganzen Schöpfung, an der er Gefallen hat.

Gott steht zu Jesus von Nazaret als seinem geliebten Sohn. Genauso steht er zu seiner ganzen Schöpfung, die er gemacht hat und für gut befunden hat. Er steht auch zu dir und mir und zu dieser Welt mit ihrem Wohl und Wehe.

Unser Leben und diese Welt und schließlich wir selbst gehen nicht verloren, selbst wenn es ganz schlimm und finster kommt, selbst wenn wir uns gottverlassen fühlen, wie Jesus am Kreuz.

Die Erfahrung liebender Eltern, die hinter uns stehen und uns sicher durch gefährliche Abgründe geleiten, ist die Kraft, die uns hilft unser Leben zu meistern. Nun – unsere Eltern waren sicher alle nicht perfekt, so wie auch Eltern heute nicht perfekt sind. Wir sind nun mal Menschen und machen Fehler. Aber wir machen nicht nur Fehler, wir stärken auch andere.

Und selbst, wenn uns die Erfahrung irdischer Eltern, die hinter uns stehen, fehlen sollte: Einer sagt auch zu dir und mir, zu uns ganz persönlich, und zu jedem seiner Geschöpfe:

„Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter! An dir habe ich Gefallen gefunden.“

Amen.

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