„Was würde Jesus dazu sagen?“

Rundfunkgottesdienst aus der Martin-Niemöller-Kirche Nürnberg
Gottesdienst
Über die Sendung

„Was würde Jesus dazu sagen?“ Das war die Lebensfrage, die Martin Niemöller begleitet hat. In allen Begegnungen, bei allen Entscheidungen hatte er stets diese Frage im Hinterkopf: „Was würde Jesus dazu sagen?“ Wie würde er sich entscheiden? Was würde er tun? Die Frage war für Martin Niemöller Korrektiv und Leitlinie, alles Gegebene noch einmal aus einem anderen, menschlicheren, Blickwinkel zu betrachten.

 

Vor 125 Jahren wurde Martin Niemöller geboren. Sein Leben ist wie kaum ein anderes mit dem 20. Jahrhundert in Deutschland verbunden. Er war U-Boot-Kommandant im Ersten Weltkrieg, war zunächst Nazi-Anhänger, schließlich Gegner und KZ-Häftling, in der jungen Bundesrepublik streitbarer Friedensaktivist. Der Gottesdienst aus der Martin-Niemöller-Kirche in Nürnberg-Langwasser wird musikalisch gestaltet vom Bläserensemble „Blechquadrat“. Die Liturgie leitet Pfarrer Dr. Joachim Habbe, die Predigt hält Regionalbischof Dr. Stefan Ark Nitsche.

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Sie waren beide keine Heiligen!
Der Prophet Jeremia nicht und Martin Niemöller, der Mann, dessen Geburtstag sich gerade zum 125. mal gejährt hat, auch nicht.
Kantige Männer – beide. Keine Charaktere für Marmorstatuen auf hohen Sockeln. Widersprüchlich, manchmal unangenehm, in entscheidenden Situation ein pointiertes Wort, ein zugespitzter Satz, der und die anderen waren auf der Palme.
Verbindliche Diplomatie war ihre Sache nicht.
Geprägt, nein gepackt waren sie für ihr ganzes Leben von einer Frage – nicht an irgendwen, nein, gleich an Gott selbst:

Warum muss ich in deinem Namen so unbequem sein, Gott? Warum machst du mich zum Außenseiter?
So der biblische Prophet aus einem gutsituierten Priesterhaus vor mehr als 2.600 Jahren.
In seinen Worten klingt das so:

Und des HERRN Wort geschah zu mir:
Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete,
und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest,
und bestellte dich zum Propheten.
Ich aber sprach:
Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen.

Es will doch keiner zuhören.
„Lass uns in Ruhe mit deinem Gott“, sagen sie.
Es ist ihnen unbequem. Es passt nicht in die Zeit. Religion, ja – am besten auch noch jeder nach seinem Geschmack. Aber doch bitte keine Konsequenzen!

Und wenn sie doch mal zuhören, weil etwas passiert ist, was ihnen Angst macht, dann sind sie kurz ergriffen und dann machen sie einfach weiter wie bisher.
Das haben wir doch gerade erst erlebt. Großer neuer Aufbruch, geistige Wende, Reform! Neue Gewissheit. Glorreicher Aufstieg zu altem Glanz. Und ein paar Jahre später: vergessen, was das möglich gemacht hat.
Aus dem Wissen um das Geschenk der neuen Freiheit ist längst ein Anspruch geworden, auf eine ganz andere Freiheit geworden, auf die Freiheit, bequem zu sein. Aus dem hart Erarbeiteten wurde eine Selbstverständlichkeit.

So stelle ich mir das vor, was Jeremia da im Kopf und Herz arbeitet. Das klingt sehr aktuell und ist doch 2 ½ Jahrtausende alt.
Sein Buch ist voll von solchen Sätzen: Warum muss es ausgerechnet ich sein, der sich in deinem Namen so quer stellen soll?
Doch sein Gott lässt ihn nicht aus:

Der HERR sprach aber zu mir:
Sprich nicht so,
sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende,
und predigen alles, was ich dir gebiete.
Fürchte dich nicht vor ihnen;
denn ich bin bei dir und will dich erretten,
Und der HERR streckte seine Hand aus
und rührte meinen Mund an und sprach zu mir:
Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.


Sein Gott lässt ihn nicht aus; Jeremia, den Propheten.
Genauso wenig wie Martin Niemöller, den Mann, der vor 125 Jahren in ein klassisches Pfarrhaus hineingeboren wurde, der aufwuchs im engen Gewebe von Thron und Altar, Staat und Religion.
Aber schon mit vier Jahren wurde da ein Widerhaken in der Kinderseele verankert, der dann zu einer lebenslangen Triebfeder wurde.
Fast siebzig Jahre später erinnert er sich:

Aus meinem Elternhaus ist mir das eine geblieben, das später auch immer klareren Einfluss auf mein Denken und Leben gewonnen und auch behalten hat, dass ich im Elternhaus als kleiner Junge, der noch nicht einmal vier Jahre alt war, ein Bild von Jesus von Nazareth mitbekommen habe, aus einer Bilderbibel – ohne Worte.

Eine Bilderbibel ohne Text und ein Bild, die im jungen Martin eine Frage provoziert: „Was würde Jesus dazu sagen?“ Eine Frage, die ihre Brisanz im Verlauf eines fast neunzigjährigen Lebens immer wieder neu unter Beweis stellen sollte. Eine Frage, die im Verlauf dieses Lebens zu sehr unterschiedlichen Antworten führen sollte; Antworten, die man kaum bei ein und derselben Person vermuten würde.
Er wollte immer zur See fahren. Er wurde Marineoffizier. Im ersten Weltkrieg war er U-Boot-Kommandant in der kaiserlichen Marine. Selbst 1939, aus dem Konzentrationslager Dachau heraus, meldet er sich noch erneut zum Einsatz als U-Boot-Fahrer.
Und nach dem zweiten Weltkrieg ist er dann zum glühenden Pazifisten geworden, der sich gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik mit dem damaligen Verteidigungsminister Franz-Joseph Strauß extrem scharfe öffentliche Wortduelle liefert.
Oder: Die anfangs schon gehörte Ergebenheitsadresse an den Reichskanzler Adolf Hitler im Oktober 1933;
und nur wenige Monate später war er als einer der maßgeblichen Mitbegründer der Bekennenden Kirche im direkten Wortduell mit dem gleichen Mann.
1963 schildert er in einem Interview diese Situation, die ihm die persönliche Feindschaft Hitlers eintrug. Niemöller erinnert sich, wie er zu Hitler sagte:

Herr Reichskanzler, Sie haben gesagt, die Verantwortung für das deutsche Volk sollten wir getrost Ihnen überlassen. Wir sollten uns darum kümmern, dass die Leute in den Himmel kommen.
Ich sage Ihnen: Die Verantwortung für das deutsche Volk, die haben nicht Sie uns auferlegt und daher haben wir diese auch vor ganz jemand anders zu verantworten – nämlich vor Gott.


„Was würde Jesus dazu sagen?“ Die sein Leben begleitende Frage lässt ihn einfach nicht aus. Die Antworten fallen sehr unterschiedlich aus. Nicht nur, weil die Situationen unterschiedlich sind.
Sondern weil er sich ändert; weil er sich ändern kann – durch diese Frage an ihn.
Sie stellt ihn in Frage – so konsequent, wie er selbst ist.
Dabei bleibt es aber nicht.
Seine Frage hilft ihm, sich durchzuringen zu neuen Einsichten, gegen eigene bisherige Überzeugungen. Sie bohrt seine Gewissheiten auf, sie durchlöchert, was ihn bisher überzeugt hatte, worauf er gebaut hatte.
Mit dieser Frage lässt ihn sein Gott nicht aus: „Was würde Jesus dazu sagen?“
Sie führt ihn auch zur Einsicht, dass er den Mund hätte auftun sollen nicht nur bei Angriffen auf die Ordnung der Kirche und bei theologischen Fragen. Er wäre auch zur Solidarität gefordert gewesen:

„Als die Nazis die Kommunisten holten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie die Juden holten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Jude.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Gott lässt ihn nicht aus: „Was würde Jesus dazu sagen?“
Was ist das Besondere an dieser Frage?
Nicht, dass man sich für jede Lebenslage ein Originalzitat aus der Bibel sucht und das dann die Antwort sein soll.

Es gibt viele Sätze, die die Macht haben, Gewissheiten zu zertrümmern – und das war´s dann und du stehst da und sagst: Ja. War wirklich nicht so sinnvoll – aber was jetzt? Wie weiter?
Und dann gibt es die wenigen anderen Sätze, die stellen ebenfalls in Frage, was bisher klar und tragfähig schien, aber du bleibst nicht allein zurück: diese Sätze reißen dir nämlich gleichzeitig einen ganz neuen Horizont auf, bringen ein neues Fundament ins Spiel. Für Niemöller gehörte seine Frage genau zu diesen Sätzen.

Solche Sätze hat auch der Prophet Jeremia, mitten hinein in seine Verunsicherung gehört: Zumutungen, die einem aber nicht den Boden unter den Füßen wegziehen:

„Wenn du aber umkehrst und dich auf mich konzentrierst,
dann will ich dich auch innerlich neu ausrichten.
Dann wirst du vor mir stehen.
Und wenn du recht redest und nicht leichtfertig,
dann sollst du mein Mund sein.“

Heftig. Da redet einer mit Gott, schüttet sich aus vor ihm mit seiner ganzen gequälten Existenz; will sich das Leben grade nicht einfach machen und dann bekommt er sowas hingeknallt: Wenn du (endlich) umkehrst, dann …
Heftig?
Ja, wahrscheinlich – aber nichts, was ihn klein macht. Im Gegenteil. Sein Gegenüber, Gott, nimmt ihn ernst, mutet ihm was zu, traut ihm zu, über den eigenen Schatten zu springen.
Das ist kein: „Stop!“ – Notbremsung. Crash! Aus. Vorbei.
Das wird zum turn a round. Auf deutsch: Umkehr!

Das ist kein Schmusekurs wie bei der freundlichen Stimme des Navis für´s Leben, die jetzt mit einfühlsamer Stimme sagen würde: „Bei nächster Gelegenheit bitte wenden!“ ohne auch nur anzudeuten, dass du dich verfahren hast. Notfalls wiederholt sie ihren Satz mit Engelsgeduld noch fünfmal, wenn du nicht auf sie hörst.
Die ernste Stimme Gottes aber spricht Klartext: „Falsch unterwegs. Umkehren – und zwar jetzt. Das ist deine Gelegenheit!“

Jeremia hat es erlebt. Sein Gott, den er im Namen trägt, lässt ihn nicht mit zynischen Fragen allein zurück. Er räumt ihm falsche Sicherheiten ab, ja – aber er lässt ihn nicht allein: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir.“
Statt für selbstverständlich geglaubte Sicherheiten flüstert er ihm eine Gewissheit ins Ohr: „Egal was ist, was war und was kommen wird: ich lasse dich nicht im Stich, ich verlasse dich nicht. Du bedeutest mir etwas.“
Jeremia hat es geglaubt, hat seinem Gott geglaubt – und es hat getragen!

Ich glaube dir, Gott.
Heile du mich, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.

Mit so einem Satz im Herzen, mit so einem Gott im Rücken kann ich Realist werden. Da muss ich mir nichts mehr schön reden,
da brauche aber auch genauso wenig versteinert im abgrundtiefen Pessimismus zu versinken: weder im Blick auf die Welt, noch im Blick auf die Menschen wie sie sind, in ihrer Großartigkeit und in ihrer Erbärmlichkeit – und auch nicht im Blick auf mich selber.

Was hätte Jesus dazu gesagt?
Ich seh dich an. Du brauchst keine Schminke. Ich kann dich ansehen. Und wenn ich es kann, dann kannst du es auch. Glaub mir!

Niemöller hat so einen Augenblick erlebt. Kurz nach seiner Befreiung kehrte er mit seiner Frau nach Dachau zurück. Am Eingang zum jetzt befreiten Konzentrationslagers packt ihn Gott und er kann sich sehen – realistisch, so wie er ist, mit seiner ganzen Geschichte. Auf einem Schild stand da zu lesen:

Hier (in Dachau) wurden in den Jahren 1933 bis 1945 238 758 Menschen verbrannt. […] `33 bis `45 stand da geschrieben.
Ich hätte was darum gegeben, wenn diese Zahlen nicht da gestanden hätten.
Da fragte mich Gott – wie einst den ersten Menschen nach dem Sündenfall:
Adam, Mensch, wo bist du gewesen von `33 bis `45?
Ich wusste: Auf diese Frage weiß ich keine Antwort zu geben. Ich hatte wohl ein Alibi in der Tasche, meinen Ausweis als Konzentrationär von 1937 bis `45. Aber was half mir dies Alibi?!
Gott fragte mich ja nicht, wo ich von 37 bis 45 gewesen war, sondern wo ich von `33 bis `37 war. Von `33 bis `37 hatte ich keine Antwort. Hätte ich vielleicht sagen sollen: Ich war ein tapferer Bekenntnispfarrer? Ich habe ein Wort riskiert und schließlich Freiheit und Leben riskiert?
Aber danach fragte mich Gott nicht. Gott fragte:
Wo warst du von 1933 bis `37, wo hier Menschen verbrannt wurden? […]
Von jenem Augenblick an war es für mich aus, ich kann nicht mehr auf unschuldig plädieren im Blick auf das, was inmitten unseres Volkes an Schuld, Verdammnis, an Hölle Wirklichkeit geworden ist.

Er sah sich – und er konnte sich sehen. Er begriff: Ich bin nicht mehr fein außen vor. Auch mit meiner Biographie nicht. Ein Schlüsselmoment.

Ein Schlüsselmoment. Für Martin Niemöller. Ja. Aber auch ein entscheidender Augenblick für die Zukunft der evangelischen Kirche in Deutschland, vielleicht auch für die Geschichte der bald entstehenden Bundesrepublik Deutschland.

Am 18. Oktober 1945 fand die konstituierende Sitzung des neu gegründeten Rates der EKD in Stuttgart statt. Die evangelischen Kirchen in Deutschland standen vor einer entscheidenden Frage: Verstehen wir uns als die guten Überlebenden des Naziterrors, die diesen Terror leider nicht entscheidend in den Arm fallen konnten oder sind wir in einer Verantwortungsgemeinschaft aller Deutschen? Sind wir fein raus oder mitten drin?
Die Kirchen aus den Ländern der Siegermächte standen ebenfalls vor einer entscheidenden Frage: Wie sollten sie mit den Kirchen in Deutschland umgehen? Gehörten die noch zur weltweiten Ökumene?
Eine Delegation machte sich nach Stuttgart auf, um die Ratstagung zu besuchen.

Am Abend vorher fand ein Gottesdienst statt. Martin Niemöller wurde gebeten, die Predigt zu halten. Zur Vorbereitung war nicht viel Zeit. Seine Frau schlug ihm einen Bibeltext für die Predigt aus dem Buch des Propheten Jeremia vor.
Kurz darauf stieg er auf die Kanzel.
Die Delegation aus der Ökumene hatte es gerade noch geschafft und sie hörten zusammen mit den Deutschen im Raum den Predigttext aus dem 14. Kapitel des Buches des Propheten Jeremia. Der Text ist wie ein Dreiergespräch aufgebaut.
Zuerst zitiert er ein Gebet des Volkes, das nach großer Not seine Bitte vor Gott
ausschüttet:

Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen,
so hilf doch um deines Namens willen!
Denn unser Ungehorsam ist groß,
womit wir wider dich gesündigt haben.

Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer.
Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande
und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt?
Warum bist du wie einer, der verzagt ist,
und wie ein Held, der nicht helfen kann?
Du bist ja doch unter uns, HERR,
und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!

Das klingt theologisch richtig und gut: Erst mal sich selbst als Sünder und als schuldig darstellen, bevor man um neue Zuwendung bittet.
Allerdings: ist da nicht ein leicht merkwürdiger Unterton? Die Vorwürfe an Gott klingen beinahe, als hätte man nach dem einmal erfolgten Bekenntnis der Schuld so etwas wie ein Recht auf erneute Zuwendung. Ist das der richtige Predigttext für diese Situation?
Es wäre der falsche gewesen, wenn er hier geendet hätte. Doch die Lesung ist noch nicht zu Ende. Es geht weiter. Jetzt zitiert der Prophet, was Gott von diesem Volk hält und welche Konsequenz er daraus zieht:


So spricht der HERR von diesem Volk:
Sie laufen gern hin und her und schonen ihre Füße nicht.
Darum hat der HERR kein Gefallen an ihnen,
sondern er denkt nun an ihre Missetat
und will ihre Sünden heimsuchen.

Und der HERR sprach zu mir:
Du sollst nicht für das Wohl dieses Volkes bitten.

Es ist exakt der richtige Text für diese Situation. Die Predigt Niemöllers verändert die Stimmung völlig.
Er sah sich – und er konnte sich sehen. Er begriff: Ich bin nicht mehr fein außen vor.
Auch mit meiner Biographie nicht.
Ein Schlüsselmoment.
Die Gäste aus der Ökumene hörten, was sie kaum zu hoffen gewagt hatten: Keine Ausflüchte, kein sich selbst entschuldigen.
„Es war eine machtvolle Predigt über das Wesen der Buße“, berichtet der Leiter der Delegation aus der Ökumene. „Niemöller sagte, selbst innerhalb der Kirche werde nicht genügend begriffen, dass die vergangenen zwölf Jahre eine Heimsuchung durch Gott gewesen seien. Es genüge nicht, den Nazis die Schuld zu geben. Auch die Kirche müsse ihre Schuld bekennen.“

Dieses kantige „Nein“ Gottes zu einer billigen Buße und einem dann: einfach weiter so, keine Konsequenzen ziehen;
dieses erschütternde und irgendwie auch befreiende „Nein!“ auf dem Hintergrund der eigenen Erfahrung vor der Tafel mit den Opfer- und Jahreszahlen in Dachau („ich habe kein Alibi!“) gaben Niemöller die Freiheit, zu sagen, was dran war.

„Das Nichtstun, das Nichtreden, das Nicht-Verantwortlich-Fühlen, das ist die Schuld des Christentums.“

Das wurde zum Einstieg in ein offenes und ehrliches Gespräch.
Am nächsten Tag entstand unter diesem Eindruck die „Stuttgarter Schulderklärung“. Sie wurde zur Basis für die Rückkehr der evangelischen Kirchen in die Weltgemeinschaft der Ökumene und trug dazu bei, dass die deutsche Gesellschaft insgesamt in den Augen der Anderen Stück für Stück als einsichtsfähig gesehen werden konnte.

„Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“
(gemeinsam mit Hans Christian Asmussen und Otto Dibelius in der Stuttgarter Schulderklärung der Evangelischen Kirche in Deutschland vom 19. Oktober 1945)

Niemöller hat viel einstecken müssen dafür. Die Freiheit, zu predigen, was er erkannt hatte, hielten viele in Deutschland damals nicht aus. Ein Sturm der Entrüstung war die Folge. Aus heutiger Sicht könnte man ja eher kritisch anmerken, dass der Text nicht konkret genug ist.
Trotzdem: Es wurde das notwendige Wort zur rechten Zeit.

Der biblische Prophet hatte ihm die Vorlage geliefert: Nur betroffen an die eigene Brust zu schlagen und inbrünstig „mea culpa“ zu rufen bleibt billig, und vor allem: es verändert nichts.
Auch „aufrechnen“ verändert nichts. Die eine Schuld gegen eine andere aufrechnen. So eine Verrechnungslogik macht mich nicht frei
Erst die Umkehr zu dem, der mich durch seine Zuwendung zu realistischer Ehrlichkeit befreit, die verändert etwas: zuerst meine Haltung, dann mein Verhalten, mein Handeln.

Neuanfang geht nicht mit Verrechnen, auch nicht mit Bezahlen. Ich kann mir auch kein Recht erwerben auf Neuanfang durch besonders beeindruckendes schlechtes Gewissen zur Schau stellen.
Ich kann nur Hoffen: Auf Versöhnung hoffen, auf die Bereitschaft, mit mir einen Neuanfang zu wagen.
Und das wird für den Verletzten leichter, wenn er meine Ernsthaftigkeit erkennen kann, dass ich in Zukunft wirklich anders handeln will. Und dafür gibt es Kriterien, an denen man das erkennen kann. Dafür ist Jeremia in sein unbequemes Amt berufen, die ins Gedächtnis zu rufen:

Der HERR sprach aber zu mir:
Du sollst gehen, wohin ich dich sende,
und predigen alles, was ich dir gebiete.,
Und der HERR streckte seine Hand aus
und rührte meinen Mund an und sprach zu mir:
Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.

Jeremia hatte in seiner Zeit etwas auszurichten von Gott. Es fiel nicht vom Himmel, er hat es sich nicht selbst ausgedacht. Er hat es gefunden – in seiner heiligen Schrift, dem heutigen 5. Buch Mose.
Die 10 Gebote werden in diesem Buch ausgelegt und auf 5 Kernsätze gebracht:
- Wir sind alle miteinander verwandt als die eine Familie Gottes
- Deshalb: Achtung vor der Würde des oder der Anderen
- Und Respekt vor dem, was ihm oder ihr heilig ist
- Darum soll jeder und jede bekommen, was sie und er braucht zum Leben für sich und die seinen.
- Und: Nein! zu allem, was das in Frage stellt.

Das war auch zu Niemöllers Zeit und in der Geburtsstunde unseres Staates relevant. Was wäre, wenn wir es heute ernst nähmen?

Er war kein Heiliger, der auf einen polierten Marmorsockel entrückt werden sollte. Er provozierte, er bohrte, er nervte auch manchmal: „Pastor Niemöller, wenn Sie schon recht haben, müssen sie es dann so penetrant sagen?“

Aber er ließ sich prägen von dem, der unbedingt etwas mit uns Menschen zu tun haben will und er hielt es aus und durch, wie der unbequeme Prophet.

Was würde Jesus dazu sagen? Eine einfache Kinderfrage, provoziert durch die lebenslange Erinnerung an ein Bild des Mannes aus Nazareth; in einem Bilderbibelbuch entdeckt. Die Frage hat ein Menschenleben in der Spur gehalten, in allen Wendungen, bei allen Brüchen und Neuaufbrüchen,
in allen Erschütterungen, allen Verunsicherungen
bei einer Gewissheit: Gott schaut nicht weg, wenn er mich sieht! Er hält mich aus.
Und das macht mich frei für mein Engagement, damit es schon in dieser Welt eine Ahnung davon geben kann, wie diese Welt eigentlich sein könnte und erst recht: wie es einmal sein, wenn Gott sie neu schafft.
 
Was würde Jesus dazu sagen?
Kurz vor seiner Verhaftung im Juli 1937 antwortet Niemöller darauf in einer Predigt mit einem Zitat aus Bergpredigt, seinem Lieblingstext in Bibel:

„Ihr seid das Salz der Erde. Wenn wir das nicht ernst nehmen, bringen wir den Herrn Christus um die Möglichkeit, durch seine Gemeinde irgendetwas auszurichten in unserem Volk. Aber wenn das Salz Salz bleibt, dürfen wir´s ihm schon zutrauen, er wird es so anwenden, daß daraus Segen erwächst.“

Martin Niemöller hat in der Bergpredigt einen radikalen Anspruch Gottes an uns gehört, aber er hat auch gelebt aus dem radikalen Zuspruch Gottes, von dem Jesus spricht:

Selig seid ihr!
Seid fröhlich und jubelt!

Ihr seid das Salz der Erde.
Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen?

Ihr seid das Licht der Welt.
Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel,
sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen,
So lasst euer Licht leuchten. (Matthäus 5,11-16)

Amen!

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