Geschichten über die Liebe

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Geschichten über die Liebe sind so unterschiedlich wie die Liebe selbst: Glücklich oder unglücklich; wie eine kurze heiße Flamme oder wie ein ruhig dahinfließender Strom. Ich war 12 Jahre alt, als ich mich das erste Mal in ein schönes Mädchen verliebte. Ihr strahlender Blick traf mich, unter vielen Menschen, die sich laut unterhielten und lachten. Erst im Nachhinein konnte ich mir eingestehen, dass ich es war, der ihren gesucht hatte.

 

Für mich begann nach diesem Blickwechsel ein anderes Leben, voller Unruhe des Herzens. Erzählt habe ich davon keinem Menschen, niemand hätte mich damals ernst genommen. Ich dagegen fühlte mich – tief in mir – ganz anders als vorher. Noch immer tat ich, was Jugendliche so machten; spielte Fußball, überstand jeden Tag irgendwie den Schulunterricht, vergrub mich in Büchern, strampelte mit meinem Fahrrad viele Kilometer bis die Oberschenkel brannten. Doch bei allem war sie dabei, meine erste große Liebe. Es war eine aufregende Zeit. Alles kam mir irgendwie beglückend und zugleich schmerzhaft vor. Für mich war es richtig großes Kino.

 

Und dann war sie so unglücklich, diese erste Liebe. Ich war mir so sicher gewesen, das eine oder andere Wort von ihr richtig gedeutet zu haben. Ich war mir so sicher gewesen, dass mein Gegenüber genau dasselbe empfinden würde wie ich es fühlte. In meinem jugendlichen Sturm und Drang war ein Irrtum nicht vorgesehen. Doch alles endete mit Tränen und Kummer im Herzen. Sie liebte einen anderen. Liebe? Nie wieder, dachte ich.

 

Bis die Liebe eines Tages mich fand. Ich war ein junger Mann und studierte noch. Wir trafen aufeinander, jeder von uns hatte eigene Pläne, aber wir wurden ein Paar. Wir haben geheiratet, wurden Mutter und Vater von Kindern. Wir haben einander viel gegeben und ebenso viel zugemutet. Wir haben miteinander gerungen, gekämpft und schließlich gegeneinander gekämpft. Diese Liebe war nicht von Dauer. Schmerzhaft bitter war es, als wir uns verloren gingen in Unverständnis und gegenseitigen Schuldzuweisungen.

 

Als Jugendlicher fühlte ich mich betrogen, zu Unrecht gekränkt, als wäre die große Liebe etwas, auf das ich ein Recht hätte. So wie jemand glaubt, er hätte ein Recht auf Glück. Später, als ich die Liebe erneut verlor, wurde ich über Trennung und Scheidung hinaus unsicher. Diese Unruhe meines Herzens wollte ich mir zunächst nicht eingestehen. Ich habe Selbstgespräche geführt, innere Monologe, in denen ich mir die Gründe zurechtlegte, warum ich so und nicht anders gehandelt habe. Nicht alles war falsch, was ich an Gedanken dazu hatte. Aber ich war mehr darauf bedacht, mich selber zu rechtfertigen.

 

Erst, als ich anfing, darüber nachzudenken, was wohl meine eigenen Anteile waren, dass ich mein Gegenüber und die Liebe verloren hatte, begann sich etwas in mir zu verändern. Als aus dem Selbstgespräch – aus dem Monolog in mir selbst – ein Dialog mit mir selbst wurde. So wie der Beter des 42. Psalms in der Bibel einen Dialog mit seinem eigenen Herzen führt, wenn er sagt (Ps. 42,5a+6):

 

Ausschütten will ich mein Herz bei mir selbst (…)

Was betrübst du dich, meine Seele und bist so unruhig in mir?

 

Dieser Dialog hatte heilende Wirkung. Bis dahin hatte ich mir beim inneren Reden nur selber zugehört. Mein Monolog hinderte mich daran, mich ehrlich und offen anschauen. Erst der Dialog in meinem Herzen hat mir erlaubt, mich von außen anzuschauen. Und es hat einige Zeit gedauert, bis ich mich ungeschönt anschauen konnte. Was ich dort sah, war auch unbequem, manchmal sogar sehr unangenehm. Und ich begann zu verstehen, wie ängstlich ich nur auf mich selbst bedacht war.

 

Der Psalmbeter der Bibel wusste es schon – ganz allein lässt sich ein solcher Dialog nicht führen. Wie ein Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. Ich bin Gott dankbar, einen ehrlichen Dialog mit ihm und mit mir selbst führen und aushalten zu können. Ohne diesen wäre ich, so glaube ich, nicht offen gewesen für die Gnade, viele Jahre später wieder mit einem Menschen an meiner Seite zu leben. Einen Segen, den ich nach wie vor als ein großes Glück empfinde.

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